Buchbesprechung: „12 Rules for Life, An Antidote to Chaos” von Jordan Peterson

Jordan B. Peterson, 12 Rules for Life, An Antidote to Chaos, Penguin, 2018, 370 Seiten

Jordan Petersons im Januar erschienenes Buch „12 Rules for Life“ ist weltweit mehrere hunderttausend Mal verkauft worden. Peterson selbst hat in den vergangenen zwei Jahren durch seine kontrovers diskutierte Teilnahme an einer kanadischen Debatte über die sprachliche Dimension geschlechtlicher Identität und die Veröffentlichung von Vorlesungen auf Youtube Bekanntheit erlangt. Er ist ein kanadischer Professor für Psychologie und ein klinischer Psychologe. Kritiker werfen ihm vor, in seinen bewusst auf Traditionen rekurrierenden, altmodischen Botschaften einer rechtsgerichteten Denkweise Vorschub zu leisten. Einer Denkweise, die die positiven Errungenschaften von Gleichberechtigung und individueller Freiheit abzuwerten trachte.

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Zähe Lektüre
Die große öffentliche Aufmerksamkeit, die Jordan Peterson zuteilwird, rechtfertigt es, einige Zeilen über das Buch zu schreiben. Zunächst sei gesagt, dass sich das Buch nicht einfach liest. Es ist relativ langatmig und voller ausführlicher Beispiele, die nicht alle einen strikten „Redundanz-Test“ überstehen würden. Mit 370 Seiten manchmal spürbar kanadischen Englisch etwas altmodischen Einschlags, das man aus den Vorlesungen von Jordan Peterson kennt und denen außerdem noch ein unnötig langes, 35-seitiges Vorwort vorangestellt wird, ist es technisch betrachtet ein zähes Stück Lektüre.

Weniger wäre mehr gewesen
In den Rezensionen, die man im Internet findet, ist immer wieder die Rede davon, dass das Buch neben einer Funktion als „Self-help“-Buch auch eine Art Einführung in die Philosophie oder sogar Mythologie böte. Das ist aber gerade nicht der Fall und sollte potenzielle Leser nicht auf eine falsche Fährte locken. Es ist besonders augenfällig, dass das Buch genau dort seine Stärken hat, wo es aus der Erfahrung seines Autors als klinischem Psychologen schöpft. Hier erfüllt es seinen Zweck als Selbsthilfe-Ratgeber. Gegen diesen erfrischend-interessanten Hintergrund des Einblicks in ein Arbeitsleben mit hauptsächlich vom Sein geschlagenen Menschen, wird aber auch und gerade die große (vor allem methodische) Schwäche der Versuche sichtbar, philosophisch oder religiös zu argumentieren. Hier ist das Buch inkonsistent, oft geradezu erratisch und beliebig und bleibt in einer keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen könnenden, privaten Weltanschauung verhaftet. Der Autor versucht künstlich, dieses mehr befremdliche als überzeugende Beiwerk zu einer Art geistigem Substrat für die Erzählung einer Berufserfahrung zu machen, die viel stärker und überzeugender ohne diesen Rahmen dastehen könnte.

Holzschnittartig und weltanschaulich tendenziös
So ist das Logische nicht per se männlich und das Chaotische nicht per se weiblich, es stellt keinen Verstoß gegen die guten Sitten dar, vom Mann als dem schwachen Geschlecht zu sprechen, es ergibt sich nicht zwingend aus der Biologie, dass die Frau die Kinder erziehen muss und die Funktion des Mannes als Beschützer der Frau zu sehen sei. Man mag als Mensch solche Ansichten teilen oder ihnen widersprechen. In einem Text, der den Anspruch erhebt, einem breiten Publikum eine Hilfestellung zum besseren Umgang mit der Welt und dem Leben geben zu wollen, verbietet sich jedoch apodiktisches Schwafeln. Das tut Peterson aber und versäumt es, auf Folgendes hinzuweisen: In alten Kulturen mag das Logische als männlich geprägt worden sein, etwa weil Männer die Bildung bekamen, Texte schreiben zu können und dann in der Umsetzung von ihrer Kompetenz-Kompetenz nicht ohne Eitelkeit Gebrauch gemacht haben. So, darf man annehmen, bilden sich nun einmal sozial kommunizierbare und verinnerlichbare Vorstellungen. Mehr steckt wahrscheinlich nicht dahinter und deshalb ist es schwach, daraus ein ontologisches Argument stricken zu wollen, das ganz grundlegend beeinflussen will, wie wir Männer und Frauen in sozialen Situationen bewerten. Und sieht man sich die verhältnismäßig hohe Lebenserwartung der Frau an und wirft man im privaten Umfeld einen Blick auf Ehepaare über 70, erscheint die Qualifizierung des Mannes als dem „schwachen Geschlecht“ einfach begreifbar. Es entscheidet also schlicht die Wahl der Perspektive darüber, ob man sich über eine Zuschreibung ärgert oder lustig macht oder sie einleuchtend findet. Und wenn er schon biologisch argumentiert, warum wählt er dann nicht auch die Vögel als Beispiel aus, die sich in strikter Gleichberechtigung um ihren Nachwuchs sorgen oder nimmt sogar solche zum Exempel, bei denen die Hauptlast fürs Brüten beim männlichen Part liegt (s. „Brut bei anderen Vögeln“)? Stattdessen beschränkt sich Peterson auf gewachsene Stereotypen wie: Die Frau hat die Hauptlast der Kindeserziehung zu tragen und deshalb wählt sie einen Mann aus, der ihr dabei den Rücken freihalten kann und um den sie sich nicht zusätzlich zum Nachwuchs auch noch kümmern müsse. Durchaus denkbare und sinnvolle andere Gründe, einen selbständigen, selbstbewussten, lebensfähigen Menschen als Partner zu selektieren lässt er vollkommen außen vor. Diese wären auch weder biologisch begründbar noch ausschließlich in eine Richtung, sondern für beide Geschlechter gleichermaßen gültig. Man denke nur an die Wünschbarkeit einer nicht allzu dumpfen Konversation in potenziell vielen Ehejahren oder an gemeinsame sportliche Interessen. Peterson bleibt hier zu holzschnittartig, vielleicht auch gerade, weil er mit seiner Erfahrung als klinischer Psychologe viel vom unteren Spektrum der praktischen menschlichen Glücksmöglichkeiten kennengelernt hat. Auf diesem sehr basalen Niveau des Beispiels der weiblichen Selektion zwischen einem potenziellen Ernährer und einem Taugenichts, und in der Einseitigkeit, wie er die darauf gerichtete Selektion ausschließlich bei der Frau verortet, vermag der Erklärungsversuch für Menschen, die nicht gänzlich am unteren Spektrum der Lebensfähigkeit herumkrebsen, keine Botschaft zu vermitteln. Die viel interessantere Denkpiste unterschiedlicher Gewalterfahrungen von Männern und Frauen (Ablehnung durch Frauen als primäre Gewalterfahrung vom Mann, körperliche Gewalt durch Männer als primäre Gewalterfahrung der Frau) schneidet er zwar an, verfolgt sie aber nicht auf eine tieferen Erkenntnisgewinn bringende Weise.

Philosophisch lückenhaft und religiös unsensibel
Genauso wenig hilfreich wie die im schlechten Sinne konservativen stereotypen Gemeinplätze sind Petersons Gedanken über das menschliche Glück, die Happiness, der er mal kritisch und abwertend gegenübertritt und die er dann an anderer Stelle wieder als erstrebenswert bezeichnet. Hier fehlt ein sauberes Konzept dessen, was Happiness bedeutet. Stattdessen lässt sich erahnen, dass an der einen Stelle die Verwendung des Begriffs etwas Oberflächliches bezeichnen muss, an der anderen Stelle etwas Erfüllendes, Wertiges. In der Philosophie gibt es ein langes Ringen um den möglichen Inhalt von Glück im menschlichen Leben. Hier wären Aristoteles und auch Hume hervorzuheben. Diese Autoren liefern Konzepte zum besseren Verständnis des Begriffs und seiner Befüllung. Dieser Tradition bedient sich Peterson nur kursorisch und stiefmütterlich, verwendet den Happiness-Begriff im weiteren Verlauf dann wieder vollkommen unkritisch und verzettelt sich so naturgemäß begrifflich.
Auch mag es in Ordnung sein, über eigenes religiöses Empfinden zu schreiben und doch lässt er dabei eine Selbstverständlichkeit walten, die versäumt, darauf hinzuweisen, dass ein Gottesbild nicht ohne Weiteres verallgemeinerbar und damit in erster Instanz etwas Privates und sehr Persönliches ist und also wirkt der geringe Grad der Abstraktion auf diesem Gebiet beinahe übergriffig, wenn Peterson über Gott schreibt und was Gott und das Göttliche für ihn bedeuten. Etwas mehr Feinfühligkeit und Zugänglichkeit für Menschen mit einem distanzierteren Blick auf Religion wären hier ganz angebracht gewesen.

Schuster bleib‘ bei Deinen Leisten
Unsaubere Verallgemeinerungen, die als Stütze für Petersons Weltsicht dienen sollen, durchziehen das ganze Buch. Zum Beispiel ist der Vergleich des durchschnittlichen Wohlstandes verschiedener amerikanischer Ureinwohnerstämme eine solche unsaubere Verallgemeinerung. Sie soll offenbar dazu dienen, ein Argument gegen staatlich organisierte Umverteilung zu machen. Peterson will damit auch die diskriminierende Qualität von Wohlstandsunterschieden zwischen verschiedenen Gruppen infrage stellen. Der Verweis ist aber in seiner Kürze schlicht manipulativ und wirft die Frage auf, ob die Kenntnis von mehr Details den Vergleich nicht hinken lassen würde (S. 315). Oder wenn Peterson suggeriert, die Erfindung der Anti-Baby-Pille durch einen Mann sei ein Akt der Männer zur Befreiung der Frau gewesen, dann kann das eine fragwürdige bis groteske Wirkung bei einem (im philosophisch, sexuellen und medizinischen Sinne) aufgeklärten Leser oder einer aufgeklärten Leserin entfalten (Man darf dabei an die hormonelle Belastung des Körpers durch das Medikament denken oder an die Vorteile, die auch Männern aus dieser Möglichkeit erwachsen sind oder etwa auch an die immer wieder einmal in der Presse aufblitzende und vermutlich nicht gänzlich unabsichtlich von Männern unterschlagene Möglichkeit, diese Art der hormonellen Verhütung dem Mann angedeihen zu lassen, um nur drei spontane Gedanken zu nennen, die an der wohltätigen Intention der übrigens ohnehin vorwiegend männlichen Erfinderwelt zu zweifeln erlaubt erscheinen lassen; s. S. 305). So lassen sich konstant einseitige Argumentationsschnipsel finden, die immer ein bisschen zu klar und ein bisschen zu einfach illustrieren, was dem Autor gerade in den Kram passt. Von der Aufgabe der klassischen Rollenverteilung im Haushalt (S. 271) bis hin zum sozialen Mechanismus der Identifikation mit einer Gruppe zum Zwecke der Landesverteidigung (s. 264). Man könnte das alles so sehen und man könnte auch nicht und darum wäre es klug gewesen, wenn er sich beim Schreiben auf das beschränkt hätte, womit er sich aus eigener beruflicher Anschauung wirklich auskennt.

Die wenig reifen und unsauberen Argumentationsmuster beschädigen das Buch und man darf davon ausgehen, dass es nicht veröffentlich worden wäre, wenn die im Internet entstandene Popularität des Autors nicht gute Verkaufszahlen und einen schönen monetären Gewinn für den Verlag versprochen hätte.

Ehrliche und erdige Ratschläge aus der beruflichen Praxis
Doch kann man als Leser auch etwas mitnehmen aus der Lektüre. Nämlich das geerdete Weltbild eines Mannes, der jahrzehntelang als praktizierender Psychologe viel Leid gesehen und unzähligen vom Leben geschlagenen und beschädigten Menschen zugehört hat. Darum sieht er das Leben auf erfrischende Weise von unten und denkt es von seinen Härten und Schwierigkeiten ausgehend. Diese Perspektive lässt ihn die Wichtigkeit der ganz kleinen positiven Veränderungen im Leben verstehen. Und so weist er überzeugend auf den Erfolg und die Schönheit hin, die in diesen oft minimalen Schritten der Selbstbezwingung und Selbstverbesserung gefunden werden können. Mit diesem Ansatz ist zweifellos auch jedem vermeintlich gesunden Leser ein guter Rat gegeben. Prokrastination, Unordnung, Ehestreit, verzogene Kinder sind nur vier Alltagsprobleme, die vermutlich den meisten Menschen im Laufe ihres Lebens begegnen und denen Peterson sich widmet. Für einen guten Umgang damit und einen Weg zu mehr Zufriedenheit in diesen Dingen gibt er Ratschläge aus seiner Praxis, die ehrlich und erdig sind und die man gerne und ohne den Zweifel ideologischer Färbung und auch ohne den Zweifel mangelnder Methodenkenntnis liest.

 

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