Theaterkritik: „Out of Order“ von der Gruppe „Forced Entertainment“ aus Sheffield im Bockenheimer Depot, Frankfurt am Main

Wer angesichts von Kriegen, Flüchtlingswellen, Fake News und Geheimsdienstanschlägen die Welt nochmal erklärt bekommen möchte, der geht dieser Tage in Frankfurt am besten ins Bockenheimer Depot zu „Out of Order“. Anderthalb Stunden Theater legen uns dort die Geschichte der Welt anhand einer pantomimischen Anthropologie zu Füßen. Keiner einzigen gesprochenen Silbe bedarf es für diese fesselnden und wohltuenden 90 Minuten.

Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler in gleichkarierten Anzügen durchlaufen die Zyklen des menschlichen Dramas: Gemeinsamkeit, Reizbarkeit, Hass, Verfolgung, Sorge, Hilfe, Zwang und scheinbare Beruhigung, dann wieder Reizbarkeit und Gereiztheit, die hochgradig unnachvollziehbar ist und wieder ausbricht in Hass, Aggression, Verfolgung, Zerstörung, Angst, Flucht, dem Bemühen, das alles zu besänftigen, was wiederum scheinbar ohne Grund passiert, nur, um im nächsten Moment wieder und stärker und schneller und doch immer gleich zu explodieren, zu eskalieren. Immer wieder, im Theater aufs unterhaltsamste und heimeligste untermalt mit Patti Austins rhythmischem Lied „Someone’s gonna cry“ („and it’s gonna be me“, heißt es im Text später, und nicht umsonst). Kein Wort wird gesprochen aber das Gespielte ist so aufs Wesentliche verdichtet, dass die Trumps, Kims, Erdogans und Mustermanns dieser Welt auf der Bühne zu tanzen scheinen und man sich denken darf: Danke, dass Ihr die traurige Gemeinheit der Menschen so wortkarg entlarvt.

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Der Theatergenuss ist so rund wie das Stück unkonventionell ist. Die Musik, die in der zweiten Hälfte von der oben erwähnten expliziten Songtextschleife zu Johann Strauss‘ Walzer von der schönen blauen Donau wechselt, ist Wohlfühlmusik mit einer unmissverständlichen Botschaft von erwartbarer Tragik und leicht und ewig plätschernder Ignoranz. Herz und Kopf sind damit bestens versorgt. Die Sprechfreiheit ist wohltuend, weil sie einem „den Unsinn erspart“, wie es mal im Werbejingle eines eher seriösen niederländischen Radiosenders formuliert wurde, oder, um es positiv zu fassen „Alles von Relevanz“ übrig lässt, wie die Selbstdarstellung des Deutschlandfunk es sagt. Das Gewicht der Szenen wird nicht zersplittert und aufgelöst von einem – wenn man Pech hat – zeitungeistig-gewollten Theatersprech, der so gekünstelt wirken kann, dass er mehr ablenkt als informiert.

Vom ewigen Kreislauf aus Reizbarkeit, Aggression, Angst und Verfolgung geht es irgendwann, vermutlich aus Langeweile, über in ein Muster gleichförmig-trottender Gefolgschaft, Eintönigkeit, Inspirations- und Individualitätslosigkeit. Herdentrieb und Mitläufertum führen zum pointiert gezeigten Verzicht darauf, selbst im Angesicht des Leides des Anderen, Verantwortung zu übernehmen und zugunsten des auf der Strecke Gebliebenen aus dem Immergleichen auszuscheren, dem alle folgen. Auch hier sagt das stumme Theaterstück mit Wucht so viel über unsere Wohlstandsgesellschaft im Angesicht des von ihr verursachten Wohlstandsgefälles, im Angesicht der Flüchtlinge, die durch unser Immerweiterso eigener Lebenschancen beraubt sind und die wegen unserer Bequemlichkeit und Angst auf keine Veränderung und keine gerechte Verteilung des Weltkuchens zu hoffen haben.

Sattes, leeres Spiel folgt dieser menschlichen Tragödie. Die wie Fleischberge Dalümmelnden blasen Luft in bunte Ballons und lassen sie im lustigen Spiel Pirouetten drehen nach allen Richtungen. Im Saal entlädt sich beim ein oder anderen der Frust des Arbeitstags (oder wahlweise das aufgestaute Bedürfnis nach ein bisschen Freude und Leichtigkeit) in hellem Lachen. Ein Bild der Dekadenz, dem nur wieder Eines folgen kann: Irritation, Streit, Kampf, Krieg.

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Diesmal mit anderen Mitteln, etwas „weiter“, etwas „höher“ entwickelt, etwas subtiler vielleicht, entsteht mittels Tröten aus der ludischen Phase von Muße und Spiel die Irritation. Der Übergang vom Spielerischen zur gezielten Bösartigkeit ist kaum wahrnehmbar, es ist ein ganz, ganz kleiner Schritt. Doch der genügt, um wieder da zu landen, wo alles begann: in atemloser Aggression, in Verfolgung, in panischer Angst.

All das ist so prägnant und entlarvt damit das große Kino mit seinen obszönen Gewaltdarstellungen als überflüssig. „12 Years a Slave“ oder „No Country for Old Men“ sind vor lauter Peitsch- und Folterorgien sowie blanker Mordlust viel weniger komfortabel anzusehen als dieses einfache Bühnenstück und bleiben doch schwächer in ihrer Aussage über das menschliche Sein.

„Out of Order“ der Gruppe „Forced Entertainment“ unter der Regie von Tim Etchells, seit dem 27. April 2018 im Bockenheimer Depot, nächste Vorstellungen am 3., 4. Und 5. Mai, sowie am 15., 16., 17. und 18. Mai, jeweils um 20 Uhr.

Die Kritiken aus F.A.Z. und taz hier zum Nachlesen.

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