Buchbesprechung: Goethes Faust – Ein gefährliches Buch

Johann Wolfgang Goethe – „Faust, Der Tragödie erster und zweiter Teil“, Reclam, 1996 und 2001, insgesamt 354 Seiten

Goethes Faust ist mit das aggressivste und meinungsstärkste Buch über Menschen, Menschentypen, Verhaltensweisen, die Gesellschaft, das Leben und immergültige Wahrheiten, das ich je gelesen habe. Der ganze Griechenpomp, der viele vom Lesen des Faust II abschreckt, kann ohne wesentlichen Bedeutungsverlust getrost verstanden werden als Kulisse und Unterhaltungsuntermalung, damit es „was zu gucken“ gibt und man als Leser neugierig bleibt. In dieser Kulisse tauchen die Sätze, um die es geht, wie Sternschnuppen auf. Sie haben die zeitlose Prägnanz, die den Faust zum meistzitierten deutschen Buch überhaupt gemacht hat.

Insgesamt ist das ganze Buch eine wilde Reise auf die Goethe uns mitnimmt. Entlang des Weges macht er deutlich, wo im menschlichen Leben das Glück gefunden werden kann. Und dass es oft woanders gesucht wird.

20180216_205558

Handlung
Geografisch geht die Fahrt von einem gotischen Studierzimmer aus über eine Hexenküche auf den Brocken, macht einen kurzen Abstecher in die Unterwelt und im nächsten Schritt fliegend weiter nach Griechenland, ins Meer, zu Felsenhöhlen, auf Schlachtfelder, in die Nähe Spartas auf eine Burg. Alles auf knapp 360 Seiten im Reclam-Format.

Philosophisch ist es ein Ritt durch die menschlichen Schwächen: durch angestaute sexuelle Lust, Schwindelei und moralische Verfehlung, Mord und Totschlag, Egoismen, falsche Handlungsmotive, Täuschung und Habgier. Trotzdem kommt Fausts Seele am Ende in den Himmel. Der rastlose Wissenschaftler wird vom Drang der Selbstvergöttlichung, vom pausenlosen Streben nach mehr und Höherem erlöst. Er wird erlöst, obwohl er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, für den Tod des Mädchens Gretchen und des gemeinsamen Kindes verantwortlich ist, ihren Bruder erstochen und indirekt auch die Mutter auf dem Gewissen hat. Obwohl er die meiste Zeit seines Lebens voller Gier und unausgewogenen Strebens war und noch in hohem Alter aus Unzufriedenheit und Egoismus wieder über Leichen ging.

Botschaft
Selbst hat dieser Mensch in seinem Leben keine Erlösung, oder anders gesagt Zufriedenheit oder innere Ruhe gefunden. Faust kann bis zu seinem Tod nicht „zum Augenblicke sagen:/ Verweile doch! du bist so schön!“ (1699f.), obwohl er am Ende unzählige Reichtümer und große Macht besessen hat. Diesen lebens- und sterbenswerten Augenblick gibt es für ihn in seinem ganzen Leben kein einziges Mal – er ist bestenfalls als eine Vision vorhanden, nicht als tatsächliche Glücksempfindung.
Ganz kurz vor dem Ende seines Lebens gibt es allerdings eine zaghafte Entwicklung hin zu konstruktiveren Absichten, weniger brutalen Mitteln und letztlich auch Reue über die Konsequenzen seines macht- und besitzgierigen Handelns. Das ist einerseits tragisch, weil die Erkenntnis, falsch gelebt zu haben, so spät erst in ihm reift. Andererseits wird diese Entwicklung eben dadurch honoriert, dass seine Seele am Schluss auf den Weg der Erlösung, gen Himmel und nicht in die Verdammnis der Hölle geschickt wird. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass es sich immer lohnt, seinen eigenen Lebenswandel zu überdenken.
Übrigens war ironischer Weise sein Pakt mit dem Teufel so formuliert, dass er durch die Hilfe des Teufels diesen Zustand des Glücks, der Zufriedenheit und inneren Ruhe, der mit dem Zitat von Vers 1699f. oben umrissen ist, hätte erlangen müssen, damit der Teufel seine Seele hätte besitzen dürfen. Das stellt sich am Ende als unauflöslich paradox heraus.

Was ist die Moral dieser Geschichte für uns Menschen heute? Die Antwort wird bei Fausts Erlösung am Schluss gegeben: „Wer immer strebend sich bemüht/ Den können wir erlösen“ (Vers 11936f.), heißt es da. Jeder kennt das Zitat.
Worum aber genau soll man strebend sich bemühen, um die Erlösung im Leben zu erlangen? Wie erreicht man diesen Zustand der Zufriedenheit und des Glücks, der Faust zeitlebens verwehrt geblieben ist? Die Antwort liegt für verschiedene Handlungsfelder in vielen Textstellen, von denen ich hier einige prägnante wiedergebe. Damit gibt Goethes Faust auch Menschen von heute noch eine gute Orientierung für die eigene Lebensführung.

Menschenbild (oder: das Problem)
Es beginnt mit einer grundsätzlichen und scharfen Kritik an den Menschen, die Goethe äußert. Er skizziert im Faust ein skeptisches und eher negatives Menschenbild, das er auch in hohem Alter bei Fertigstellung des Buches nicht revidiert hat. Da war er schon 80 Jahre alt und hätte altersmilde sein können. Das war er aber offenbar nicht: Der Mensch verhält sich trotz seines vernunftbegabten Wesens schlimmer als ein Tier und hält sich für einen Gott (vgl. 281ff.), legt Goethe Mephisto in den Mund und an anderer Stelle, dass der Mensch gern gottgleich wäre und doch hinter diesem hochmütigen Wunsch und dieser Eitelkeit zurückbleiben müsse (vgl. 8096f.). Auf der anderen Seite wurden „Die wenigen, die was davon erkannt/ […] von je gekreuzigt und verbrannt“ (590ff.). Die Menschen schlagen sich „durch flache Unbedeutenheit“ (1861). „Hören möchten wir am liebsten was wir gar nicht glauben können,/ Denn wir haben Langeweile diese Felsen anzusehen“ (9583f.), beschreibt in einem Satz die Empfänglichkeit der Menschen für die absichtsvoll auf sie gerichteten Massenmedien. Über die schleichende Konsequenz der Entmündigung haben Horkheimer und Adorno in ihrer Kritik der Aufklärung ebenfalls zeitlos aktuell geschrieben. „Und niemand hat Erwünschtes fest in Armen,/ Der sich nicht nach Erwünschterem törig sehnte“ (5373f.) sagt er über das Unersättliche in der menschlichen Natur, und der rastlose Optimismus, der aus dem Satz „Sicherlich es muss das Beste/ Irgendwo zu finden sein“ (5439f.), spricht, dürfte dem ein oder anderen bekannt vorkommen. Und wenn es über die eigenen Schwächen hinausgeht und die eigene Unbeherrschtheit und Schwäche zum Terror für andere wird, fällt dieser Satz: „Denn jeder, der sein innres Selbst/ Nicht zu regieren weiß, regierte gar zu gern/ Des Nachbars Willen, eignem stolzen Sinn gemäß …“ (7015ff.). „Man weiß, das Volk taugt aus dem Grunde nichts,/ Geschnürten Leibs, geschminkten Angesichts“ (7714f.) – insgesamt ein düsteres Bild von instinkthafter Schlichtheit, mangelnder Reflexion und Geistigkeit.

In einem ähnlichen Duktus zieht Goethe über die Politik und die Wirtschaft vom Leder. Wer sich das aneignet, was auf Erden das Höchste, kann es nicht ruhig besitzen (vgl. 9482ff.) ist eine Mahnung, die als an die Habgierigen und Herrschsüchtigen adressiert verstanden sein will. „Regieren und zugleich genießen“ (10251) gehe nicht. „Das wäre mir die rechte Höhe/ Da zu befehlen wo ich nichts verstehe“ (10311f.) ist auch kein aus der Luft gegriffener und zufällig geschriebener Satz. Heute noch fragt man sich im politischen Postenkarussel, welche Qualifikation der eine oder die andere mitbringen, um dieses oder jenes Ministerium zu führen.
„Doch fassen Geister, würdig tief zu schauen,/ Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen“ (6117f.) ist ein Satz, der, in verschiedene Zusammenhänge gestellt, Sinn ergibt: Bitcoin, Immobilienblase, Börsencrashs, um nur drei zu nennen. Genauso „Unmöglich ist’s, drum eben glaubenswert“ (6420). Und was „Krieg, Handel und Piraterie,/ Dreieinig sind sie, nicht zu trennen“ (11187f.) angeht, ist auch wenig Interpretationsspielraum vorhanden. Alles, was sich ums Besitzen, um das Streben nach Materiellem und nach Dominanz dreht, tritt Goethe mit klarer Ablehnung entgegen. Vielleicht auch deshalb heißt der letzte Satz des Werks „Das Ewig-Weibliche/ Zieht uns hinan“ (12110f.), also in Richtung der Erlösung. Hier ist das Weibliche bei Goethe, der allem Fleischlichen nicht abgeneigt war, nicht sexuell, sondern als moralisches Gegenmodell der Besonnenheit, des Ausgleichs und der inhaltlichen und liebenden Zugewandtheit zu Sachen, Tätigkeiten und Menschen zu verstehen, die in scharfem Kontrast zum kritisierten unbeherrscht-animalischen Leben steht.

Dieser kritische Ton beherrscht das gesamte Buch: Vom Menschenleben heißt es: „Ein jeder lebt‘s, nicht vielen ist’s bekannt“ (168). „Erquickung hast Du nicht gewonnen,/ Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt“ (568f.). „Das Gaukeln schafft kein festes Glück“ (Vers 10695), „So sind am härtsten wir gequält/ Im Reichtum fühlend was uns fehlt“ (11251f.), „Das Widerstehn, der Eigensinn/ Verkümmern herrlichsten Gewinn“ (11269f.), „Da wär’s die Mühe wert ein Mensch zu sein./ Das war ich sonst, eh ich’s im Düstern suchte,/ Mit Frevelwort mich und die Welt verfluchte./ Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll/ Dass niemand weiß wie er ihn meiden soll“ (11407ff.), „Ich bin nur durch die Welt gerannt./ […] Was nicht genügte ließ ich fahren,/ […] Ich habe nur begehrt und nur vollbracht,/ Und abermals gewünscht, und so mit Macht/ Mein Leben durchgestürmt“ (11432ff.), „die Menschen sind im ganzen Leben blind“ (11497), „Dass Ihr doch nie die rechten Maße kennt“ (11720).

Auflösung
Wo also eröffnet Goethe bei all dieser Erbärmlichkeit und Schlechtheit, die er so weidlich beschreibt, das Fenster zur Erlösung? Arbeit an sich selbst, ist die Antwort: „Das ist der Weisheit letzter Schluss:/ Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,/ Der täglich sie erobern muss“ (11574ff.) – Erobert werden muss hier nämlich täglich aufs Neue das eigentlich Menschliche, das aus Liebe besteht und auf die dauernde Selbstverwirklichung seiner egoistischen Wünsche verzichtet, durch die die anderen verheizt und zu eigenen Zwecken missbraucht werden. Es geht darum, das Tierische zu überwinden. Das verlangt dem Menschen immer aufs Neue Kraft ab.

Goethes Handbuch zur Eroberung von Freiheit und Leben ist deutlich kürzer als seine nicht endende Klage über die menschliche Niedrigkeit und Dummheit. Die Zitate, die positiven Lebens-Rat geben, sind die folgenden: „Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben“ (2062), „Denn es muss von Herzen gehen,/ Was auf Herzen wirken soll“ (9685f.), „Lass der Sonne Glanz verschwinden,/ Wenn es in der Seele tagt,/ Wir im eigenen Herzen finden/ Was die ganze Welt versagt,“ (9693f.), so rückt er die Bedeutung von innerer und äußerer Welt des Menschen ins rechte Verhältnis. „Denn klar sein ohne List, und ruhig ohne Trug!“ (10891), „Du selbst sei mäßig, lass nicht über Heiterkeiten,/ Durch der Gelegenheit Verlocken, dich verleiten.“ (10913f.), „Gesellig nur lässt sich Gefahr erproben:/ Wenn einer wirkt, die andern alle loben“ (7379f.), „Ein Quentchen Danks wird, hoch ihn zu vergnügen,/ Die Zentner Undanks völlig überwiegen“ (8130f.). „Nun schaut der Geist nicht vorwärts nicht zurück,/ Die Gegenwart allein – / Ist unser Glück“ (9381f.). Und dass das tägliche Schaffen in lebhafter Verbindung stehen muss zu innerer Leidenschaft und natürlicher Motivation, beschreibt der folgende Satz: „Was ewig schaffend uns umwallt./ Mein Innres mög es auch entzünden/ Wo sich der Geist, verworren kalt,/ Verquält in stumpfer Sinne Schranken/ Scharfangeschlossnem Kettenschmerz./ O Gott! beschwichtige die Gedanken/ Erleuchte mein bedürftig Herz“ (11883f.). Die Quintessenz dieser Sentenzen könnte eins zu eins aus einem Buch über Zen-Buddhismus stammen. Sie kommt nur in Goethes Sprache etwas erdiger, blumiger und fleischiger daher.

Es erscheint, liest man das Buch, dem am allermeisten nachgesagt wird, die deutsche Kultur literarisch abzubilden, merkwürdig, welche Richtung dieselbe nur 200 Jahre später eingeschlagen hat: Wie wichtig Besitz und Konsum den Deutschen sind, welch das Gefühl nicht ansprechende Musik durch die meistgehörten Radiosender ausgestrahlt wird, dass die Ingenieurskunst höher im Kurs der Gesellschaft steht als die Künste der Dichter und Denker oder das herzvoll Kümmernde in pflegenden Berufen. Auch welch große Rolle Karriere und Selbstbehauptung für viele spielen.

Wer weiß, vielleicht wird deshalb so viel von der Unverständlichkeit der Anspielungen an die griechische Mythologie im Faust II gesprochen, weil nicht gewollt wird, dass man ihn liest. Er ist für unser kapitalistisches Gesellschaftssystem, das so sehr auf Statusdenken, Besitz, Äußerlichkeiten, Werbung, herzlose Verführung und auf diese Dinge ausgerichtete Narrative aufbaut, ein gefährliches Buch. Aber es ist geschrieben und jeder kann sich jederzeit daraus etwas für sein eigenes Leben mitnehmen und sich um eine diesseitige Erlösung bemühen: ein bisschen näher bei sich selbst sein und dabei leichtfüßig, ein bisschen mehr für andere geben und dabei herzlich sein, mehr verzichten und mehr genießen und dabei Freude an den kleinen Dingen kultivieren, besonnen und gradlinig sein und statt des Denkens an den immer nächsten Termin das Jetzt empfinden und auskosten können und großzügig mit Lob und Dank umgehen und mehr das tun, wozu es einen wirklich drängt, was wirklich zu einem selbst passt.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Buchbesprechung: Goethes Faust – Ein gefährliches Buch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s