Buchbesprechung – Hans-Joachim Maaz: „Das falsche Leben – Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft“, C. H. Beck, 2017, 256 Seiten

Heute stelle ich ein Buch vor, das auf erfrischende Weise unsere Gesellschaft kritisiert, von der wir glauben gelernt zu haben, sie sei gut.

Aufbauend auf seiner mehrere Jahrzehnte langen Berufserfahrung als Psychoanalytiker und Psychiater beschreibt der Autor Hans-Joachim Maaz, warum die meisten Menschen ein unerfülltes und überangepasstes Dasein fristen. Kernbegriff des Buches ist das Wort „Normopathie“, die im Kollektiv nicht mehr als krankhaft zu erkennende Anpassung an eine falsche Lebensweise, die nur eine Reaktion ist auf ein Set immergleicher, sich immer wiederholender frühkindlicher psychischer Verletzungen Vieler.

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Da es nur eine überschaubare Anzahl dieser frühkindlichen psychischen Grund-Pathologien gibt (Maaz beschreibt sieben Stück, s. u.), kommt es dazu, dass sich Leute mit den gleichen Entwicklungsschäden und Problemen in gesellschaftlich verhaltensähnliche Peer-Groups hineinentwickeln. Jeder Einzelne kompensiert und überkompensiert den erlittenen frühkindlichen Schaden und auch diese Kompensationsmechanismen sind immer gleich oder sehr ähnlich:

  1. Der von den Eltern nicht wirklich Gewollte entwickelt Geltungssucht und Aggression,
  2. der dauernd Bevormundete eine Anti-Haltung,
  3. der Ungeliebte will es allen beweisen und wird ebenfalls geltungssüchtig,
  4. der, der immer den Erwartungen seiner Eltern entsprechen musste wird zum Mitläufer und Mittäter, der im besten Fall abhängig wird von der sinnlosen Ablenkung der Medien,
  5. der vom Vater Gegängelte und als Konkurrent für die Zuwendung der Mutter Empfundene, wird in seiner Selbstentwicklung gehemmt und zum Untertanen par excellence,
  6. der unter dem Desinteresse seiner Eltern Aufgewachsene, der nie die richtigen Anregungen und Förderungen bekommen hat wird faul, feige und bequem und empfänglich für jede Art der Verführung,
  7. der von den Eltern zur Leistung Gedrillte findet keinen Zugang zu entspanntem Selbstsansehen und bleibt sein Lebtag abhängig von äußeren Erfolgen und Bestätigungen.

Menschen mit ähnlichen Problemen und daraus entstandenen „falschen“ Bedürfnissen (falsch, weil der erlittene psychische Entwicklungsschaden sie abgekoppelt hat von ihren eigentlichen menschlichen Möglichkeiten, Talenten und ihrer grundsätzlichen Individualität) finden im Verhalten anderer Menschen mit vergleichbaren Bewältigungsmustern für die jeweilige psychische Problemlage gesellschaftliche Bestätigung.

Beispielsweise sehen

  • diejenigen, die viel arbeiten, um ihre Leistungsbereitschaft und ihren Erfolg zu zeigen, andere, die das auch tun und es findet eine gegenseitige Bestärkung statt, innerhalb derer geglaubt wird, das sei normal und Erfolg im menschlichen Leben hänge davon ab.
  • Die, die sich anderen Menschen gegenüber wegen jeder Geringfügigkeit aggressiv und abweisend verhalten, finden – heute in Zeiten des anonymen Internets mit seinen Trollen mehr denn je zuvor – andere, die ebenfalls kein gutes Haar an anderen Menschen lassen und applaudieren sich gegenseitig in die Gewissheit der Normalität ihres Verhaltens hinein.
  • Die, die ohne Initiative sind und sich vom Sozialstaat aushalten lassen, leben in Vierteln, in denen auch andere stolz darauf sind, sich von einem vermeintlich ungerechten Staat durchfüttern zu lassen und
  • die, die vier Stunden oder mehr am Tag fernsehen, tauschen sich mit anderen über die gesehenen Inhalte aus und leben so in dem Glauben, dass es normal sei, ein menschliches Leben mit dem Konsum von absichtsvoll produzierten und verbreiteten Medien zu verbringen.
  • Derjenige, der als Kind in seiner Entwicklung gehemmt wurde und heute zu allem von irgendwelchen Autoritäten Geäußerte ja und Amen sagt, erfährt in anderen, die genauso wenig in der Lage sind, Initiative zu ergreifen und etwas zu gestalten, den Halt eines konservativen, unmündigen Gesellschaftssubstrats, das er dank zahlenmäßigen Überflusses ohne Schwierigkeit als normal und vielleicht sogar gut oder staatstragend erleben kann.

Die durch die Menge der gelebten falschen Leben wahrgenommene Bestätigung des eigenen Lebenswandels erlaubt das Phänomen der „Normopathie“, also eines falschen Lebens, das aber als normaler Standard, als richtiges Leben wahrgenommen wird. Die Aussage des Buches ist: Die Mehrzahl der Menschen lebt aufgrund frühkindlicher seelischer Verletzungen, Vernachlässigungen oder Kränkungen ein falsches Leben, nicht das Leben, das ihrer eigenen Individualität zustände.

Maaz zitiert Adorno, um deutlich zu machen, dass er nicht der erste ist, der konstatiert, dass das ein unwürdiger Zustand ist: „Es gehört zur Würde des Menschen, selbst unter widrigsten Bedingungen nach Möglichkeiten zu streben, dem falschen Leben zu entkommen.“ Der Satz von Adorno, dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gebe, ist, möchte man sagen, geradezu schon Teil populärwissenschaftlicher Kultur geworden.

 


Zwei interessante Anwendungen auf spezifische Themenkomplexe:

Im weiteren Verlauf des Buches bezieht Maaz sein Erklärungsmuster der Normopathie auf zwei Themenkomplexe, die sonst in der öffentlichen Debatte bzw. in den Medien verhältnismäßig einseitig beleuchtet werden: Die deutsche Wiedervereinigung 1989 und die jüngste Flüchtlingskrise 2016.

Maaz schreibt, dass bei der Wiedervereinigung (die manche im gleichen Geist wie Maaz als „Anschluss“ bezeichnen), die Chance vertan worden sei, aus zwei falschen Gesellschaften eine richtige zu machen. Anstatt in einem ehrlichen Diskussionsprozess die guten und schlechten Eigenschaften der zwei deutschen Staaten herauszuarbeiten und die guten zu einem neuen, den Menschen gerecht werdenden Gesellschaftssystem zu schmieden, sind die DDRler der BRD in einem etwas blöden Enthusiasmus (der sicher vom materiellen Überfluss des Westens genährt war) einfach kritiklos beigetreten. Und die BRDler fanden das in geistloser Überheblichkeit oder eben normopathischer Verblendung auch noch gut so. Auf diese Weise ist die „zähneknirschende Normopathie“ der DDR, wo die Menschen in Vorsicht vor der Stasi und mit Ängsten, Anpassungsdruck, Lügen und Vorteilshoffnungen zu leben gelernt hatten von der Bildfläche verschwunden und stattdessen wurde die „lächelnde Marketing-Normopathie“ der BRD mit ihrem Drang zu oberflächlichen Äußerlichkeiten, zu Dingen und zu einem verlogenen Leistungsmantra einfach adaptiert und für alle als richtig übernommen. Pegida, der Aufstand der Alten im Osten, wie Maaz sagt, erklärt er als ein „spätes Aufbegehren gegen den simplen Normopathiewechsel von DDR zu BRD“. Verlierer dieses Wandels in eine geradezu aggressive Freiheit hinein, mit der sie nicht umzugehen und zu ihren Gunsten zu spielen wussten, erführen heute Ängste, durch den Zustrom von Flüchtlingen und eine über ihre Köpfe und an ihnen vorbei agierende und redende Politik nach dem Verlust ihres alten, sicheren Lebens in der DDR nun nochmal einen mit der Zeit halbwegs akzeptablen Lebensstandard zu verlieren.

Bei Maaz Behandlung der Flüchtlingskrise ist spürbar, dass er der Aufnahme der notleidenden Menschen kritisch gegenübersteht. Einer Sache, die auf den ersten Blick vom Gebot der christlichen Nächstenliebe gedeckt ist. Maaz verweist darauf, dass die Freiheit und Liberalität in unserer Gesellschaft für Menschen aus autoritären Staaten nicht nur Segen, sondern auch Fluch sein kann. Dass sie Halt verlieren und dann mit radikalen Abwehrreaktionen auffällig werden können. Der Gedanke mag von Relevanz sein, wenn man bedenkt, dass schon wenige Verrückte bzw. im Sinne Maaz durch Überforderung verrückt Gewordene viel Unheil anrichten können.

Interessanter sind aus meiner Sicht aber seine folgenden Überlegungen: „Willkommenskultur“ beschreibt er als eine Art dekulpabilisierender Überreaktion. Die Menschen versuchten darin, ihre „schuldhafte Gier am Wohlstandsleben“ zu beschwichtigen. Dass es sich vielleicht gar nicht in jedem Fall um eine Regung der Nächstenliebe handelt, sondern kollektiv die Aufnahme der Opfer unserer falschen Lebensweise befürwortet wird, um dafür eine innere Erleichterung zu erfahren und keinen Anlass sehen zu müssen, etwas am eigenen Leben zu ändern, ist ein Gedanke, der einen wahren und zunehmend wunden Punkt trifft.

Und noch eine andere, bislang ungehörte Kritik, bringt er im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise: Die meisten Flüchtlinge kommen aus autoritären Gesellschaftsverhältnissen und prekären sozialen Bedingungen. Sie müssten sich für eine Integration zunächst aus seelischer Enge und aus familiären, kulturellen und religiösen Zwängen befreien. „Wenn wir auf unsere eigenen deutschen Verhältnisse schauen und zur Kenntnis nehmen müssen, wie viele Menschen durch psychische und psychosomatische Erkrankungen, durch Alkoholismus, Drogen und anderes Suchtverhalten, durch Radikalisierung und Kriminalität zu erkennen geben, dass sie die innerseelische Reife für ein freiheitliches und liberales Leben nicht erreichen konnten – dann sind größte Sorgen, wie Migranten wirklich integriert werden könnten, nur zu berechtigt.“ Zusammengefasst: Unsere Gesellschaft vermag es noch nicht einmal, die Deutschen selbst zu integrieren. Wie soll es dann mit Menschen gelingen, die nochmal aus radikal anderen Verhältnissen auf diese in Maaz Augen falsche und kaputte Gesellschaft stoßen? Falsch und kaputt deshalb, weil sie nicht auf der inneren Echtheit der Menschen fußt, die sie ausmachen. Innere Echtheit aber, so Maaz, ist die Basis für Demokratie. Liest man in diesem Argument auf den ersten Blick ein Plädoyer gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, versteht man das Buch am Kerngedanken des Autors vorbei: In erster Linie ist es ein Argument gegen unsere eigene Lebensart.

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