Kommentar – Was ist ein guter Mensch?

Der Europaabgeordnete Esteban Gonzáles Pons hat am 28. März eine Rede im Europaparlament gehalten. Anlass war der 60. Geburtstag der Europäischen Union. Die zweiminütige Ansprache hat im Internet viel Widerhall gefunden. Im Folgenden die deutsche Übersetzung:

„Europa wird im Norden vom Populismus eingegrenzt, im Süden von den im Meer ertrinkenden Flüchtlingen, im Osten von den Panzern Putins, im Westen von der Mauer Trumps. In der Vergangenheit vom Krieg, in der Zukunft vom Brexit. Europa ist heute einsamer denn je, aber die Bürger merken das nicht. Und deshalb ist Europa heute, ohne jede Einschränkung, die beste Lösung. Und wir verstehen es nicht, das den Bürgern zu erklären. Die Globalisierung lehrt uns heute, dass Europa unverzichtbar ist, die einzige Alternative. Aber der Brexit lehrt uns auch, dass Europa reversibel ist, dass man den Weg in der Geschichte auch rückwärts beschreiten kann, obwohl es außerhalb Europas sehr kalt ist. Der Brexit ist die egoistischste Entscheidung, die getroffen wurde, seit Winston Churchill Europa mit Blut, Schweiß und Tränen der Engländer gerettet hat. Brexit zu sagen, ist die unsolidarischste Art, Lebewohl zu sagen. Europa ist kein Markt. Es ist der Wille, gemeinsam zu leben. Europa zu verlassen, bedeutet nicht, einen Markt zu verlassen. Es bedeutet, geteilte Träume zu verlassen. Wenn wir einen gemeinsamen Markt haben, aber keine gemeinsamen Träume, haben wir nichts. Europa ist der Friede, der nach dem Desaster des Krieges geschlossen wurde. Europa ist die Versöhnung zwischen Franzosen und Deutschen. Europa ist die Rückkehr zur Freiheit von Griechenland, Spanien und Portugal. Europa ist der Fall der Mauer von Berlin. Europa ist das Ende des Kommunismus. Europa ist Wohlfahrtsstaat, ist die Demokratie. Europa sind die Grundrechte. Können wir ohne all das leben? Können wir auf all das verzichten? Für einen Markt lassen wir all das hinter uns. Ich hoffe, dass der nächste Gipfel von Rom weniger davon sprechen wird, was Europa uns schuldet und mehr davon, was wir ihm schulden, nach allem was es uns gegeben hat. Die Europäische Union ist der einzige Frühling, den unser Kontinent in seiner gesamten Geschichte erlebt hat. Ich bin einer von jenen, der an dem Tag, an dem die Premierministerin May den Brexit verkündet, anfängt davon zu träumen, dass die Briten wieder heimkehren werden.“

Es ist ein düsteres Bild, das er von der Welt zeichnet. Im 90er Jahre-Geschichtsunterricht der siebten, achten Klasse an einem bayerischen Gymnasium klangen die Hinweise unserer Geschichtslehrer noch abstrakt: „50 Jahre Frieden, 50 Jahre ohne Krieg – das ist ungewöhnlich lange.“ Der Glaube daran, dass wir selbst nie in den Krieg würden ziehen müssen, dass die Geschichte in Europa eine Geschichte der „Lehren aus der Vergangenheit“, des Fortschritts sei, war da. Vermutlich, weil es sich gut anfühlte, dass alles so in Ordnung schien. Die paar Bosnier oder Albaner, die vor dem Jugoslawienkrieg, der mit brutalster Wucht direkt vor unserer Haustür tobte, geflohen waren und bei ihrer Asylunterkunft ein paar Fahrräder gestohlen haben sollten: das empfanden wir als beunruhigend. War es aber nicht.

Inzwischen, also 20 Jahre später, hat Herr Juncker von einer Wiederholung der Geschichte gesprochen. Beim Neujahrsempfang des damals noch luxemburgischen Premierministers am 7. Januar 2013 warnte er davor, das Jahr könne genauso ein Vorkriegsjahr werden wie das Jahr 1913, „in dem alle Menschen an Frieden glaubten, bevor der Krieg kam.“ (Der Spiegel, Alles Schall und Rauch). Ein Jahr später hat Papst Franziskus gesagt, wir befänden uns in einem dritten Weltkrieg.

Unter die Wurzeln des Krieges zählen gewiss:
1. Wohlstandsgefälle/Armut
2. Religion
3. Territoriale Begehrlichkeiten
4. Die Gier nach Rohstoffvorkommen
5. Ethnische Unterschiede
6. Ideologie/Subtile Mechanismen, die als bevormundend wahrgenommen werden.

Für den ersten Kriegsgrund stehen in der deutschen Geschichte exemplarisch der Vertrag von Versailles und die langjährigen Reparationszahlungen, die im Deutschen Reich für wirtschaftliche Schwierigkeiten sorgten. Hitler und die NSdAP haben verarmende und unzufriedene Menschen leicht mit Versprechungen und Dominanz- und Behauptungsrhetorik begeistern und sich damit die Macht im Staat sichern können.

Der zweite Kriegsgrund zieht sich durch die Geschichte. Der 30-jährige Krieg ist vielleicht das berühmteste Beispiel in Europa. Hier ging es um Katholiken gegen Protestanten.

Der dritte Kriegsgrund ist mit dem Konflikt zwischen Russland und der Ukraine gut illustriert, auch, wenn der Konflikt in diesem Fall eine verschlüsselte Botschaft an „den Westen“ enthalten haben mag, kooperativer mit Russland umzugehen.

Beispiele für den vierten Kriegsgrund sind die Irakkriege der USA, von denen immer gesagt wurde, dass sie in erster Linie um des Erdöles willen geführt wurden. Dafür spricht, dass die Familien Bush und Cheney große Spieler im texanischen Ölgeschäft sind. Oder die Spannungen im chinesischen Meer zwischen China und Japan, wo ebenfalls reiche Rohstoffvorkommen vermutet werden.

Beim fünften Kriegsgrund kann man an den Völkermord der Hutu an den Tutsi in Ruanda denken.

Für den sechsten Kriegsgrund steht der Kalte Krieg zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Für ihn stehen aber auch Bürgerkriege zwischen herrschenden und unterdrückten Klassen. Es gehören außerdem Mechanismen dazu wie Waffenhandel oder das ausbeuterische Saatgutsystem der Firma Monsanto, das in rücksichtlos kapitalistischer Manier Abhängigkeiten Armer von Reichen erzeugt und verfestigt. Und Allmachtsphantasien einzelner gehören auch dazu, wie etwa die Hitlers mit seinem tausendjährigen Reich oder die der amerikanischen Präsidenten, denen die Rolle als Weltpolizist gefiel und gefällt.

Der Krieg, den der sogenannte „Islamische Staat“ führt, hat seine Wurzeln vermutlich vor allem in den Gründen 2 und 6. Es erscheint vorstellbar, dass Menschen im islamischen Kulturkreis und vor allem in traditionellen Gesellschaften wie der Saudi Arabiens die durch das Internet beschleunigte Ausweitung der Dominanz eines westlichen Lebensstils als für ihre Kultur und das, was sie selbst für richtig halten, als bedrohlich empfinden.

Was könnte an der westlichen Kultur bedrohlich sein oder so empfunden werden? Der ungehemmte Konsum und die enormen weltweiten Umweltprobleme, das er mit sich bringt? Und das Problem der Verdrängung alles Geistigen in der Breite der Bevölkerung, das er ebenfalls mit sich bringt? Menschen werden zu Konsumenten erzogen, sie verlieren ihr Menschsein, ihre menschliche Würde unter dem Deckmantel von Individualität und „Erfolg“. Ihr Leben besteht nur noch aus Arbeit (mit der sehr viele unzufrieden sind), Konsum und Freizeitgestaltung. Für Bildung, gesellschaftliches Engagement, Kulturelles bleibt kaum Zeit. Was könnte sonst noch als bedrohlich empfunden werden? Ist es das Superioritätsgehabe und die Waffenmacht einer sich unverwundbar vorkommenden Kultur? Ist es Neid um die bevorzugte Klimazone, die die westlichen Staaten besiedeln? Ist es die Offenheit gegenüber allem Sexuellen, das die Gemüter andernorts erregt?

Was an Letzterem anstößig sein sollte, erschließt sich uns heute nur noch schwer. Das Natürliche und auch das Spiel mit etwas von der Natur Gegebenem sollten nicht als Grund zu ernsthaftem Anstoß wahrgenommen werden. Die anderen, unnatürlichen und konkret schädlichen Punkte jedoch zeigen auf wesentliche Aspekte unserer Kultur, die für andere durchaus bedrohlich wirken und auf sie negative Auswirkungen haben können.

Man kann solche negativen „externen Effekte“ von Kultur, Verhalten, Politik auf allen Ebenen finden. Nehmen wir Deutschland und seine Rolle in Europa: Lokomotive des europäischen Wirtschaftswachstums, Wettbewerbsvorteil durch jahrelange Gehaltsausterität, größter weltweiter Handelsüberschuss (Welt.de, Der Spiegel), praktisch Vollbeschäftigung. Frankreich: hohe Arbeitslosigkeit. Italien, Spanien, Portugal, Griechenland: ganz oder fast im Staatsbankrott..

Blicken wir ins deutsche Inland: Die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland wächst stetig. Obszöne Managergehälter und –boni, ein Erbrecht, das die Anhäufung von Reichtum bei Wenigen befördert und Umverteilung vereitelt. Mehr Luxusvillen, mehr Luxusautos, mehr Anlagevermögen, mehr Immobilienblase. Auf der anderen Seite die Frustrierten, die keine gute Bildung bekommen haben, die so wenig verdienen, dass sie sich benachteiligt vorkommen, dass sie in Trainingsanzügen durch die Straßen gehen, weil weder Kopf und Geldbeutel eine bessere Wahl nahelegen.

Auf allen drei Ebenen versagt die Politik:

  • auf der Weltebene wäre ein Dialog mit traditionalistischen Kulturen früh nötig gewesen, der die externen Effekte der vielen schlechten Seiten unserer eigenen Kultur benannt hätte und in einen Dialog um Lösungen eingetreten wäre. (Dazu hätte man aber willens sein müssen, die negativen Seiten unserer Kultur offen anzusprechen. Das ist bis heute so nicht salonfähig, sicher nicht im Zusammenhang mit der enormen Aggression, die von Islamisten ausgeht.) Kompromisse wären nötig gewesen und das Signal, dass uns die anderen nicht völlig egal sind.
  • Auf der europäischen Ebene hätte es Deutschland vielleicht gutgetan, die unendliche Gier nach materiellem Wohlstand mit der Lebensklugheit der Franzosen, Iren, Italiener zu mischen, die es verstehen, manches auch einmal ruhiger angehen zu lassen und dafür auch mit einem kleineren, vielleicht etwas verbeulten Auto durch die Gegend zu fahren. Dass hier die besten Maschinenbauer erfolgreich Handel treiben, ist nur ein Teil der Wahrheit des Handelsüberschusses. Hierzulande leben auch viele Menschen für die Arbeit, weil ihnen ein Stolz anerzogen wird, eine Disziplin, ein falsches Bild von Erfolg. Es wird ihnen als „Lebenserfolg“ verkauft, wenn sie Karriere machen, wenn sie ein größeres Auto fahren, wenn sie Überstunden machen.
  • Auf der nationalen Ebene haben die gleichen Mechanismen den Leuten die Luft geraubt, mehr füreinander da zu sein. Weniger Reichtum anzuhäufen, mehr Gleiches zu unternehmen, sich weniger um jeden Preis vom anderen abheben zu müssen mit Konsum, ob nun Auto oder Reise. Auch mal Zeit zu haben, um etwas Türkisch oder Polnisch zu lernen. Die Politik hätte früher stärker umverteilen müssen, früher das Umverteilungsgeld in Schulen in Brandenburg und Sachsen stecken sollen. Jetzt entgleiten die Dinge ein Stückweit und es ist immer schwieriger, etwas aufzufangen, als es von Anfang an gut festzuhalten.

Am Ende dieser Betrachtungskette steht der Mensch, der Einzelne. Es sind immer Menschen, die Akzente setzen und genauso sind es auch Menschen, die es verpassen, die richtigen Akzente zu setzen. Was macht einen guten Menschen aus, möchte man fragen. Ist Putin ein guter Mensch? Ist Erdogan ein guter Mensch? Ist Trump ein guter Mensch?

Die Antwort ist einfach. Wir haben sie in unserer untergehenden, von innen und außen bedrohten Kultur. Früher nannte man Deutschland einmal das „Land der Dichter und Denker“. Damals zählten Gedanken noch etwas, nicht nur Marken und Autos und Überstunden-Fleiß. Lessing hat einen guten Menschen beschrieben: Er heißt „Nathan“ und hat den Beinamen „der Weise“. Wir haben einen großherzigen, um Frieden und Versöhnung bemühten Mann vor Augen. Einen, der die Grenzen der Religion nicht über das Menschliche stellt. Einen, der besonnen spricht. Einen, der allen ihr Recht zubilligt und nichts von Hierarchie und Bevorzugung hält. An den Wurzeln unserer westlichen, demokratischen Kultur ist es Aristoteles, der einen Menschen beschreibt, der das Richtige tut, auf die richtige Art, zur rechten Zeit, aus dem richtigen Grund, in Ausgewogenheit. Einen im Rahmen seiner Möglichkeiten großzügigen Menschen. Sogar in der deutschen Industriegeschichte gibt es so ein Vorbild: Theodor Heuss hat Robert Bosch beschrieben, einen Mann, dem es im Leben auf Anstand, auf Qualität, auf das Wohl anderer und das Gemeinwohl ankam, der „rote Bosch“, ein Mann, der für seine Mitmenschen da sein wollte, den wir heute bewundern. Adalbert Stifter hat von gereiften Menschen geschrieben, die das Leben gelehrt hat, wie man miteinander richtig, liebevoll und in Würde umgeht: Istvan heißen sie und Brigitta. Amerikanische Gerechtigkeitsphilosophen wie John Rawls und Ronald Dworkin haben darüber geschrieben, wie Chancen und Güter zu verteilen wären, um Gerechtigkeit zu erreichen. Antoine de Saint-Exupéry ist mit dem „Kleinen Prinzen“ (Leseprobe) ebenfalls ein Werk von Weltruhm gelungen, das gut in nur wenige Seiten fasst, was im Leben richtig und befolgenswert ist. Und das ist nur ein kleiner, spontaner Abriss, ohne Recherche, ohne lange darüber nachzudenken, wo noch überall ein Mensch beschrieben wäre, der als gut gelten könnte. Jesus von Nazareth sollte in diesem Kontext natürlich nicht fehlen. Auch von ihm gibt es zahlreiche Geschichten, die keinen geringen Einfluss darauf haben, was wir in unserem Kulturkreis als einen „guten Menschen“ wahrnehmen (Schlüsseltext „Bergpredigt“).

Das Fazit aus all diesen Texten kann zunächst einmal nur eine Annäherung an die Antwort auf die Frage sein, was in unserer Kultur ein guter Mensch ist. Aber die ist nicht beliebig. Sie gibt einen klaren Rahmen vor. Demnach ist der- oder diejenige ein guter Mensch:

  • wer ausgewogen handelt (z. B. sein eigenes Wohl und das seiner Mitmenschen bedenkt, im Kleinen wie im Großen)
  • wer großzügig ist (der mit anderen teilt, eigenes Ungemach in Kauf nimmt um eines anderen Willen)
  • wer denkt, statt Überzeugungen zu haben und also mit sich reden lässt
  • wer überlegt handelt und aus einer inneren Ruhe heraus etwas Positives für andere ausstrahlt
  • wer auf Gewalt verzichtet und behutsam auf andere zugeht
  • dem/der Respekt, Liebe und Dankbarkeit für seine/ihre Umwelt innewohnen und der/die aus dieser Dankbarkeit heraus mehr gebend als nehmend sein kann.

Vielleicht ist ja gerade der Reichtum unserer Kultur, dass hier ein Mensch, der Bewunderung verdient hat, nicht wie einer beschrieben wird, der Macht hat, der in Kriege zieht, der Geld anhäuft, der laut schreit und Menschen verführt und einen großen Palast baut.

Und daher würde es möglicherweise bei den nächsten Wahlen schon helfen, nach den Kandidaten zu suchen, die dem Ideal des guten Menschen, wie wir es in unserer Kultur kennen, am nächsten kommen. Und sie zu wählen. Menschen wie ein Winfred Kretschmann, wie eine Renate Schmidt, wie eine Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Die Aufrichtigen, die um der Sache willen da sind und nicht in erster Linie für sich selbst. Wenn wir in unserer Kultur auf etwas stolz sein dürfen, dann darauf, dass sie uns lehrt, auf diese Menschen stolz zu sein. Nicht auf die Machtbesessenen, nicht auf den Geldadel. Auf die Aufrechten, Großzügigen, Denkenden, Überlegten, Gewaltlosen, die Altruisten. Jeden dieser Menschen können wir als Wähler zu einem Bollwerk gegen den Krieg machen.

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2 Gedanken zu “Kommentar – Was ist ein guter Mensch?

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