Buchbesprechung – „Einen Blick werfen“, Literaturnovelle von Joachim Zelter

Vor zwei Wochen schlenderte ich über die Frankfurter Buchmesse. Am Stand des kleinen ortsansässigen Verlags „weissbooks“ wollte ich aus Interesse am Literaturbetrieb ein paar Informationen über die verlegerische Alltagsarbeit und seine personelle Aufstellung erfragen. Durch einen Irrtum kam ich zuerst mit einer Mitarbeiterin des Klöpfer&Meyer-Verlags aus Tübingen ins Gespräch, die mich auf angenehm resolute Weise bei ihrer jungen Kollegin nebenan ankündigte. So kamen wir alle drei ins Gespräch und ich schäkerte ein wenig mit den beiden Frauen, dass es eine Lust war. Beim Gehen nahm ich, nun wieder auf den Quadratmetern von Klöpfer&Meyer (man sagt, Buchmessestände seien teuer: Preisliste der Messe Frankfurt, S. 4, z. B. Reihenstand 8m² à 384 Euro, macht mehr als 3.000 Euro), noch geschwind ein Büchlein in die Hand, dessen rote Schleife meine Aufmerksamkeit weckte. Sie verdeckte den Titel, ich runzelte die Stirn. „Nimm das mit – das ist etwas für Dich!“, sagte die Frau, mit der ich zuerst ins Gespräch gekommen war, plötzlich zu mir. Die Botschaft schien ihr wichtig gewesen zu sein, denn sie hatte dafür eigens den Austausch mit einem neuen Besucher am Stand unterbrochen. Sie duzte mich jetzt, das war mir sympathisch.

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Zuhause habe ich das Buch ausgepackt. Der Titel ist: „Einen Blick werfen“. Es ist ein angenehmes Buch, aus mehrerlei Gründen.
Erstens: Es liest sich schnell. Seine gut 100 kleinen Seiten waren in etwa 90 Minuten verschlungen. Das ist ein Aha-Erlebnis für mich gewesen, denn eigentlich lese ich gerade die Kritik der reinen Vernunft. Obwohl Kant darin immer wieder mit einem angenehmen, leicht bissigen Humor glänzt, ist der Lesefortschritt dort weder real und erst recht nicht gefühlt auf einem vergleichbaren Niveau zu suchen.
Zweitens: Es bespricht eine wahre Sache, die sich verallgemeinern lässt und sagt damit so viel wie, dass man aus eigener Erfahrungstiefe heraus schöpferisch tätig werden sollte, um sich mit dem Tun auch wohlzufühlen und für andere positiv wahrnehmbar zu sein.
Drittens: Es berührt einen Themenkomplex, der im weitesten Sinne zwischen den Schlagworten „Flüchtlinge“, „Nächstenliebe“, „Gönnerhaftigkeit“, „Stolz“ und „Neid“ zu finden ist und unterhält in diesem Spannungsfeld durch überraschende Wendungen.

Trotz der oben angesprochenen Verallgemeinerbarkeit der aus dem Buch ablesbaren Moral, ist das Thema doch tendenziell selbstreflexiv, d. h., man liest ein Buch, das im Wesentlichen davon handelt, wie es für den Autor ist, ein Buch zu schreiben. Damit stellt sich auch für dieses Buch die Frage nach der Relevanz, die sich einem eifrigen Hörer des öffentlich-rechtlichen Radiosenders hr-Info jedes Mal dann aufdrängt, wenn er seine Buchbesprechungen unter der Rubrik „Büchercheck“ ausstrahlt: Krimis werden gern gelesen und besprochen, Liebe kommt als Thema vor, Flüchtlinge sind wegen der Aktualität ins Repertoire eingeflossen, das Wesen der Kunst und Menschen, die Künstler werden wollen wurden als Themen ausgewählt, dann Menschen mit Marotten und zur Abwechslung ein Erdbeben in Italien. Sieben von 27 vorgestellten Büchern (26 Prozent!), die zu der Zeit, als dieser Artikel geschrieben wurde, auf der Website des Hessischen Rundfunks abrufbaren Beiträge, sind sogenannte „Krimis“. Keines der Bücher nimmt sich eines Themas an, das die Art, wie wir leben, in Frage stellt. Wenn die Bundesministerinnen Andrea Nahles und Manuela Schwesig in der Politik eine 30-Stundenwoche für junge Familien fordern (Zeit.de – 30-Stundenwoche für Eltern, FAZ.net – Regelarbeitszeit für Eltern) oder in Schweden der 6-Stunden-Arbeitstag eingeführt wird (Süddeutsche.de – Sechs Stunden sind genug), ist dann heute die Politik gesellschaftskritischer als die Kunst?

Die Kunst oder zumindest die Kunst, die von den etablierten Medien als einer Besprechung würdig ausgewählt wird, stellt die Strukturen, die das Leben, Denken und Empfinden von Familien und Arbeitnehmern in unserem Gemeinwesen heute am meisten beeinflussen, nicht in den Mittelpunkt. Sie erfüllt beinahe sklavisch, ganz wie von Adorno und Horkheimer schon in den 30er und 40er Jahren beschrieben, in erster Linie eine Unterhaltungs- und Ablenkungsfunktion. Arbeit und Karriere als Wert an sich, das schöne Humboldtsche Bildungsideal der eigenen Interessen und echten Vielfältigkeit, der Achtstundentag und die Pflege- und Geburtenkrise, Überstunden und Präsenzkultur, Konsum- statt Inhalts- und Bildungsorientierung, Umweltverschmutzung – all das kommt in der Kunst, die im Radio besprochen wird, höchstens am Rande vor.

Joachim Zelter schreibt, um gehört und wahrgenommen zu werden und mit dem, was man tut, zu reüssieren, müsse man authentisch sein und aus dem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen. Ich möchte hinzufügen: Das ist, wie Zelter richtig schreibt, schon schwer genug, aber immer noch zu einfach. Man sollte auch den Anspruch haben, mit seinem Tun relevant zu sein. Für andere. Für das Gemeinwohl. Im Idealfall ist man dabei unterhaltend.

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