Kommentar – Ownership: Im richtigen Moment selber beherzt handeln

Zwei Ereignisse der Tagespolitik haben mich zu diesem kleinen Schlaglicht auf die Frage nach dem proaktiven Wahrnehmen persönlicher Verantwortung im Dienst einer Sache bewogen: Michel Friedman lässt sich in der Türkei nach einem kontroversen Interview den Chip mit der frisch gemachten Aufnahme wegnehmen (Welt.de – Türkei konfisziert Interview von Michel Friedman; Audio: DLF – Michel Friedman über die Konfiszierung des Interviews). Und ein 22-jähriger Bombenbauer und potenzieller Informant bekommt die Chance, sich durch Selbsttötung der rechtsstaatlichen Forderung zu entziehen, Rechenschaft über sein Handeln abzulegen und seine Verbindungen mit anderen Menschen offenzulegen, die die körperliche und seelische Unversehrtheit der Bevölkerung gefährden (Zeit.de – Selbstmord von Bombenbauer in Leipziger Gefängnis, FAZ – Sachsens Justizminister hat die Wichtigkeit der Situation nicht verstanden).

Zu Michel Friedman fällt mir ein, dass ich seinen Groll einerseits verstehe. Andererseits jedoch darf man sich fragen, ob es von einem lebenserfahrenen Mann zu viel verlangt gewesen wäre, sich in der Vorbereitung auf ein Interview für ein paar Euro eine leere SD-Karte zu kaufen (Amazon.de – Günstige SD-Karte). Immerhin plante er es bei einem der Minister eines Staates, dessen Handeln in den letzten Jahren mit den hierzulande gültigen Spielregeln nicht übereinzubringen war und vermutlich war er auch darauf vorbereitet, dass der Befragte nicht mit allem, was gesprochen werden sollte, glücklich sein würde. Eine leere SD-Karte hätte Friedman sofort nach dem Interview mit seinem Kameramann gegen die bespielte austauschen und dann völlig verlustfrei aushändigen können. Jetzt steht Aussage gegen Aussage und ein zäher Rechtsstreit wird vom Zaun gebrochen (DLF – Deutsche Welle klagt gegen türkisches Ministerium). Wofür, frage ich mich, senden unsere öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, genauso, wie die privat finanzierten, seit Jahrzehnten eine starke Überdosis an Kriminalserien, James Bond-Filmen und Detektivgeschichten, wenn selbst dieser einfache Transfer des dort vermittelten Grundlagenwissens in eine Situation des echten Lebens dann misslingt? Cui bono – wem nützt das alles?
Die Geschichten, mit denen der gemeine TV-Konsument berieselt wird, entbehren sowieso einer irgendwie gearteten Relevanz für unsere eigenen Leben. Wenn nun ein einziges Mal der unwahrscheinliche Fall eintritt, aus dieser zweifelhaften Fernsehunterhaltung etwas für sich selbst verwenden zu können, gelingt dies nicht. Viel besser wäre das deutsche Fernsehen beraten, seinen Nutzern Geschichten relevanter und alltäglicher Gewalterfahrungen vorzusetzen – denn um Gewalt muss es ja offenbar gehen, um das Interesse der Zuseherschaft gewinnen zu können. Alles andere unterhält nicht. Da unser Leben voller kleiner und großer Gewalterfahrungen ist, die bei genauem Hinsehen eine ausreichende Dramatik haben, um daraus Fernsehstoff zu entwickeln, sollte das nicht zu viel verlangt sein: Lärmbelästigungen im Straßenverkehr, Streitgespräche in der Familie, Luftverschmutzung, Verkehrsrowdytum, Fußball-Randale, Mobbing in Schule und Büro, Alkoholmissbrauch und seine Folgen, um nur einige zu nennen. Darüber gibt es nichts oder nicht viel in der TV-Abendunterhaltung, zumindest nicht, ohne durch einen „Mord“ garniert zu sein. Wann aber haben Sie zuletzt direkt mit einem Mord zu tun gehabt? Merken Sie was?

Hat Friedman in dieser Situation vermutlich einfach nicht genug Chuzpe gezeigt und damit indirekt und ungewollt das deutsche Fernsehunterhaltungssystem zu hinterfragen geholfen, ist der sächsische Justizminister Sebastian Gemkow (Wikipedia – Sebastian Gemkow) am Thema der „Ownership“ gescheitert, wie man im Geschäftsjargon das aktive Übernehmen persönlicher Verantwortung für eine einem aufgetragene Sache nennt. Was hat der 38-jährige Karrierepolitiker vom 10. bis 12. Oktober besseres zu tun gehabt, als sich direkt in das Leipziger Gefängnis fahren zu lassen, in dem gerade der größte zu diesem Zeitpunkt in Deutschland bekannte Gefährder der inneren Sicherheit festgesetzt wurde? Kaffee trinken? Akten studieren? Im Landtag eine Rede halten?
Es gehört eine große Portion professioneller Reife dazu, zu verstehen, dass es gerade ganz schlichte und grundlegende Handlungen sind, mit denen man Einfluss auf den günstigen oder ungünstigen Verlauf einer Sache nehmen kann. Dass es Momente gibt, in denen man selbst etwas tut, das in der Routine des täglichen Geschäfts weit unter der eigenen hierarchischen Stufe getan wird. Jeder, der weiß, wie eine große Firma oder ein großer administrativer Apparat im eingeschwungenen Zustand funktioniert, der weiß auch, dass es diese Momente gibt, in denen das ganz persönliche Engagement durch nichts zu ersetzen ist. In diesen Momenten ergreift ein erfahrener und verantwortungsbewusster Manager „Ownership“ über die Situation. Er übernimmt selbst das Steuer, übernimmt selbst die Garantie dafür, dass nichts schiefläuft und zeigt allen anderen mit seinem persönlichen Engagement, wie ernst die Situation zu nehmen ist. Um es jesuanisch auszudrücken: Jemand, der es im rechten Moment versteht, sich „selbst zu erniedrigen“ und vom hohen Ross seiner hierarchischen Position in die oft von oben als niedrig wahrgenommene Praxis einzutauchen, erhöht sich damit und zeigt allen Mitarbeitern und Beobachtern, dass er verstanden hat, auf welcher Ebene wirklich Werte geschaffen werden. Ein Akt praktischer Verantwortung mit großer symbolischer Strahlkraft.

Warum der Justizminister nicht ins Gefängnis gefahren ist, nicht mit dem Festgenommenen gesprochen hat, keine persönliche Einschätzung von Angesicht zu Angesicht vorgenommen hat und im Bewusstsein höchster eigener Verantwortung alles Erdenkliche veranlasst hat, um den Informanten sich seiner Verantwortung nicht entziehen zu lassen und also als Justizminister dem Land damit einen unbezahlbaren Dienst zu erweisen, erschließt sich demjenigen nicht, der das Prinzip der „Ownership“ in einer ihm anvertrauten Aufgabe verstanden hat. Wäre der Suizid in der Anwesenheit des für die Sicherheit in den Gefängnissen verantwortlichen Justizministers passiert, wäre ihm mit höchster Wahrscheinlichkeit kein Vorwurf zu machen gewesen. Nicht hingefahren zu sein jedoch, wirft das Licht eines zu jungen, zu dummen, zu unreifen Karrieristen auf ihn. In Gemengelagen, in denen die Unversehrtheit von Menschen auf dem Spiel steht, ist eine solche Besetzung wichtiger Stellen keine Option. Außerhalb der Spaß- und Komfortzone angekommen, muss nun bei der offenbar zu spielerischen Vergabe von Posten unverzüglich umgedacht werden. Und bei der Art, diese im Dienst der Bürgerinnen und Bürger auszufüllen, ebenso.

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