Tipp – Chinesische Umweltreportage „Under the Dome“ (OmU, 1h 44′)

Ich möchte in dieser Woche auf ein Stück medialer Ehrlichkeit hinweisen, das in China im vergangenen Jahr für viel Aufsehen gesorgt hat. Mindestens 200 Millionen Mal wurde es angeklickt: die Reportage „Under the Dome“ der Journalistin Chai Jing über die brutale Umweltverschmutzung in China.

Die Reportage gibt uns dank der englischen Untertitel einen seltenen Einblick in die chinesische Volksseele, wenn man so will. Wie empfinden die Bürger ihre Umwelt im Alltag, wie geben sich Bürokraten einer gewissen Gleichgültigkeit hin, wie tricksen Geschäftsleute?

Und sie zeigt mit ihren Beispielen nicht etwa, dass in China alles furchtbar ist und hier bei uns alles gut. Im Gegenteil: sie schärft unsere Linse für die krassen Umweltprobleme auch in der Umwelt, in der wir jeden Tag essen, trinken und atmen. Der Frankfurter Flughafen hat immerhin zirka 60% des Passagieraufkommens (Wikipedia – Flughafen Frankfurt) beider Shanghaier Flughäfen zusammen (man erinnere sich: Deutschland hat 80 Millionen Einwohner, China hat knapp 1,4 Milliarden. Deutschland hat also nur 6% der Einwohner Chinas) und über 70% des Shanghaier Frachtaufkommens (Wikipedia – Liste der Flughäfen mit den größten Frachtaufkommen). 60  Millionen Passagiere fliegen jährlich von und nach Shanghai Pudong International (2015) (Wikipedia – Shanghai Pudong International Airport) und nochmal 39 Mio. Passagiere von und nach Shanghai Hongqiao (der vornehmlich inländisch Destinationen bedient, Wikipedia – Shanghai Hongqiao Airport). Insgesamt also 100 Millionen Passagiere in Shanghai, 60 Millionen in Frankfurt.

Wie der Abgasausstoß von 600.000 Taxis, die den ganzen Tag durch die Stadt fahren sei die Verschmutzung, die durch die startenden und landenden Flugzeuge jeden Tag am Flughafen Guangzhou Baiyun entsteht, sagt die Macherin der Reportage (Teil 5, Youtube – Under the Dome (Teil 5), ab 19‘43‘‘). Der ist übrigens deutlich kleiner als der Frankfurter Flughafen (Guangzhou: nur 52,5 Millionen Passagiere und 1,3 Millionen Tonnen Luftfracht pro Jahr, 394.000 Flugbewegungen, Frankfurt 60 Millionen Passagiere und 2 Millionen Tonnen Luftfracht pro Jahr, 468.000 Flugbewegungen: Wikipedia – Flughafen Guangzhou, Wikipedia – Liste der Flughäfen mit den größten Frachtaufkommen). Für Frankfurt würde das umgerechnet in etwa die Abgasverschmutzung von 713.000 Taxis pro Tag bedeuten, die die Luft verpesten. Das entspricht in etwa der Zahl der Einwohner der Stadt, die den ganzen Tag jeder für sich mit dieselgetriebenen Taxis durch die Stadt fahren würden (Wikipedia – Frankfurt am Main). Zum Vergleich: Heute sind in Frankfurt 1.712 Taxis und insgesamt 220.476 PKW zugelassen (Wirtschaftswoche – Übersicht der Zulassungszahlen in deutschen GroßstädtenFrankfurter Rundschau 2009 – Stabile Zahl an Taxikonzessionen in Frankfurt).

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Blick auf Shanghai, Quelle: Wikipedia

Im Frankfurter Westen kann man das verbrannte Kerosin je nach Wind und Wetterlage regelmäßig in den Wohnvierteln riechen. Sein beißend-giftiger Gestank dringt dann in die Straßen und durch die Fenster in die Schlafzimmer der Frankfurter Bürger. Mit dem Auto sind es vom Gallusviertel zum Flughafen exakt zehn Minuten. Ich bin sicher, der Wind ist schneller unterwegs und weht die Abgase in sprichwörtlicher Windeseile vom Rollfeld in die Lungen der Frankfurterinnen und Frankfurter.

Auch, wenn man kurz beim Thema Dieselabgase innehält, kann einem schlecht werden. Drückt ein Dieselautofahrer beherzt aufs Gas, bläst eine (manchmal enorm große) Rußwolke aus dem Auspuff – man hat das Gefühl, als habe jemand mit Absicht ein Stückchen aus dem England des 19. Jahrhunderts konserviert (als die Falter schwarz wurden, weil sie damit auf den vom Ruß der Industrieanlagen geschwärzten Pflanzen bessere Überlebenschancen hatten: Wikipedia – Industriemelanismus, s. auch Teil 4 der hier besprochenen Reportage vom Beginn bis 2‘45‘‘). Von moderner, menschengerechter Technologie kann – trotz aller Werbepropaganda – noch nicht einmal im Ansatz die Rede sein. Hier tritt die Respektlosigkeit der Industrie vor dem Menschen in einer Weise zutage, wie man sie sonst vielleicht manchmal vermutet, aber eben nicht immer so klar sieht.

Ich empfehle die gesamte Reportage, die auf Youtube in acht Teilen abrufbar ist (Teil 1-8: Youtube – Ganze Reportage „Under the Dome“.  Speziell auf die Gesundheits- und Umweltprobleme durch Diesel bezogen, sind die Teile fünf, sieben und acht empfehlenswert).

Wem danach schlecht ist (hier zur Auflockerung ein Lied von Wolfgang Ambros), der kann sich, ebenfalls auf Youtube, mit der Reportage „Das Geheimnis der Bäume“ erholen (Youtube – Das Geheimnis der Bäume). Ein in gleichem Maße sehenswerter Film über Pflanzen als sinnlich begabte und kommunizierende Wesen (was wiederum Vegetarier in Verlegenheit bringen könnte, aber sei’s drum – die Welt ist eben kompliziert).

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