Kommentar – You decide, maybe.

Ich habe es immer auch gut gefunden, wenn Menschen rauchen. Wer raucht und trinkt, finanziert mich quer, er zahlt Sondersteuern auf Tabak und Alkohol. Wenn ich in der Uni-Bibliothek ein Buch ausleihe, hat er es für mich bezahlt, wenn ich auf sauberen Straßen von der Arbeit heimfahre, hat er mehr Kosten dafür getragen als ich. Ich kann mich als Gewinner fühlen, als Nutznießer – irgendwie fühle ich mich ein bisschen verwöhnt. 14,9 Milliarden Euro betrug 2015 das Tabaksteueraufkommen (Statistisches Bundesamt – Tabaksteueraufkommen 2015, S. 6), knapp 3,2 Milliarden Euro schöpften sich aus Steuern, die den Konsum von Alkohol belasten (fünf Steuern: Biersteuer, Schaumweinsteuer, Branntwein- und Zwischenerzeugnissteuer sowie Alkopopsteuer: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen – Steueraufkommen aus Alkoholsteuern 2014, Die Welt – Die fünf deutschen Steuern auf Alkohol). Wenn man bedenkt, dass 43 Millionen Leute in Deutschland in Lohn und Brot Geld erwirtschaften und damit den Löwenanteil der Steuern zahlen (Statistisches Bundesamt – Erwerbstätigenstatistik) und man davon ausgeht, dass etwa 20 Millionen Leute rauchen (rauchfrei.de – Raucherquote Deutschland), bedeutet das, dass jede Raucherin und jeder Raucher 745 Euro pro Jahr für mich und alle anderen nichtrauchenden Steuerzahler mitbezahlt. In etwa eine durchschnittliche Monatsmiete in einer der größeren Städte unseres Landes. Beim Trinken ist es nicht so klar zu umreißen, da fast jeder auch mal einen Schluck Alkoholisiertes trinkt. Teilt man das alkoholbedingte Steueraufkommen durch alle Bürgerinnen und Bürger im Alter zwischen 16 und 99 Jahren (70 Millionen Menschen, Quelle: Statistisches Bundesamt – Bevölkerungsstatistik, Grenze 16 Jahre gemäß Jugendschutzgesetz: Wikipedia – Jugendschutz) und betrachte ich mein Budget für ein Glas Wein alle drei oder vier Tage, dann profitiere ich mit ungefähr 46 Euro pro Jahr an Steuern auch hier schön in dem Maße mit, wie ich mich unter dem durchschnittlichen Verbrauch halte („325 Flaschen Bier, 27 Flaschen Wein, 5,5 Flaschen Schaumwein und 7 Flaschen Schnaps konsumiert der bzw. die Deutsche im Schnitt.“ – Quelle: Kenn dein Limit – Alkoholkonsum Deutschland). Wir reden also leicht über etwa 770 Euro, die jede Raucherin und jeder Raucher und jede viel konsumierende Trinkerin bzw. jeder viel konsumierende Trinker uns Nichtrauchern und Selten- sowie Genusstrinkern pro Jahr schenkt.

Maybe

Doch, halt: Stöbert man eine Minute weiter zum Thema im Internet, stößt man darauf, dass die Kosten, die Raucher und Trinker der Gesellschaft verursachen bei einem Vielfachen (zirka Faktor drei) dieses gerade noch als so günstig empfundenen Nutzens liegen: Zwischen 50 und 60 Milliarden Euro sind es offenbar jedes Jahr (im Vergleich zu zirka 18 Milliarden Euro Steuereinnahmen, s. o.), die als Kosten aus Behandlungen, Therapien, Unfällen oder Fehltagen erwachsen. Die Kosten sind, was das Rauchen betrifft, ironischer Weise selbst höher als die Umsätze, die die Industrie mit dem Verkauf der Tabakwaren erzielt (Tagesspiegel – Volkswirtschaftliche Kosten Tabak- und Alkoholkonsum, FAZ – Alkohol- und Tabakkonsum kosten die Gesellschaft 60 Milliarden Euro pro Jahr, FAZ – Soziale Kosten in Höhe von 60 Milliarden Euro). Geht man nur von den 50 Milliarden Euro „Un-Kosten“ aus, von denen der Tagesspiegel in seinem Artikel von 2013 schreibt, entsteht ein Delta von 31,9 Milliarden Euro pro Jahr im Vergleich zum steuerlichen Ertrag aus Tabak und Alkohol. Jedem Deutschen über 16 Jahren, unabhängig von seinem Konsumverhalten entstehen hierdurch also jährliche Extrakosten in Höhe von 456 Euro (38 Euro im Monat!). Betrachtet man – da die Trinker schwer zu quantifizieren sind – nur die Raucher und die durch sie verursachten gesellschaftlichen Kosten in der angenommenen Höhe von ca. 23 Milliarden Euro pro Jahr (s. Quellen oben) und zieht davon das Steuereinkommen durch Tabakkonsum ab, entstehen Extrakosten in Höhe von 8,1 Milliarden Euro, die sich auf zirka 50 Millionen Nichtraucher über 16 Jahren verteilen. Davon trägt jeder dann eine Last von 160 Euro im Jahr. Wer im Fernsehen einmal die Sendung von Peter Zwegat gesehen hat (RTL – Raus aus den Schulden), weiß, dass dieser einen Kostenposten dieser Höhe und ohne praktischen Nutzen sofort und ohne Zögern von der Budgetliste streichen würde. In gewisser Hinsicht wäre es so gesehen nicht ganz falsch, Rauchern mit dem Vorwurf des Diebstahls zu begegnen. Eine Wahl, sich an diesen hohen externen Kosten zu beteiligen oder nicht, bekommen Nichtraucher ja nicht.

Da ich gerne in moralischen Kategorien denke, bin ich grundsätzlich gegen das Rauchen und das Trinken. Ich sage mir: das schadet den Menschen. Hast Du mal in das zu früh zu alt gewordene Gesicht einer 39-jährigen Raucherin gesehen? Anmut sieht anders aus. Hast Du mal den säuerlichen Raucher-Odem eines Kollegen sich förmlich auf Deine Zunge legen fühlen und schmecken und dabei auf sein gelbes Gebiss geblickt? Appetitanregend sind andere Dinge. Hast Du die tiefbraun-ledrigen Finger eines 87-jährigen gesehen, der noch filterlose Eckstein und Reval geraucht hat zeitlebens? Respekt vor dem Zauber des menschlichen Körpers und der Schönheit seines größten Organs, der Haut, sieht anders aus. Darum würde ich mir Verbote für Tabak- und Alkoholwerbung wünschen, auch für viele dieser Produkte selbst, denn ein wohlmeinend-paternalistischer Staat müsste doch seine Bürger schützen. Das wäre doch seine Pflicht.

Doch geht das in unserer freien Gesellschaft nicht, denn ganz schnell würde sich die Verbieteritis auf eine unkontrollierte Anzahl von Gebieten ausbreiten, vermutlich gerne auf der Grundlage völlig beliebiger Argumente irgendwelcher Einflussreicher oder vielleicht sogar an sich wohlmeinender Politiker. Dass etwas gut gemeint ist und zugleich als eine Einschränkung der Freiheit empfunden werden kann, weiß jeder noch aus seiner eigenen Kindheit. (Man darf den Zusatz machen, dass sich aus der Retrospektive die gute Absicht oft bestätigt hat, aber sei’s drum.) Und wer will schon so leben wie in Ländern wie Saudi-Arabien, dem Iran oder teilweise sogar dem lebensfrohen und kulturell reichen China, wo Einzelne aufgrund ihrer Präferenzen und ihres Kalküls über das Leben zahlloser anderer entscheiden? Dafür haben wir ja Freiheit und Marktwirtschaft, dass wir darauf nicht zurückgreifen müssen. Ich denke darum, dass das Spiel mit ökonomischen Anreizen und die Durchsetzung der simpelsten menschlichen Grundregeln zielführender wäre, als ein paternalistisch oktroyiertes Verbot:

Vorschlag 1 (Der marktwirtschaftliche Ansatz): Man macht eine Bewertung des gesundheitlichen Schadens, der durch das Rauchen und Trinken entsteht und der Gesundheitssystem, Arbeitgeber, Versicherungen und Pflegekassen belastet. Diesen Betrag ordnet man fiskal den verursachenden Produkten zu. Damit macht man sie teurer und weniger erschwinglich. Zugleich werden die extrem hohen externen Kosten internalisiert.

Vorschlag 2 (Die Handhabung der einfachsten menschlichen Grundregel): Wie in anderen Bereichen auch, richtet man sein Augenmerk auf den Schaden, der anderen Menschen durch das Rauchen und Trinken zugefügt wird. Leben Menschen dicht aufeinander, wie beispielsweise in der Stadt, verbietet sich das Rauchen im öffentlichen Raum von selbst, wenn man die goldene Regel, dass jeder frei ist, zu tun und zu lassen, was er möchte, so lange er keinen anderen damit stört, befolgt. Das lässt sich auch in ein offizielles Verbot gießen, ohne bevormundend zu sein. Es ist selbstverständlich und sollte genauso für laute Auspuffanlagen, Roller und Motorräder gelten, sowie für Dieselfahrzeuge oder mit fossilen Brennstoffen betriebene Fahrzeuge überhaupt. Der Zigarettenkonsum hat 2015 wieder zugenommen (Wikipedia – Zigarettenkonsum). Hinter jemandem auf dem Gehsteig zu gehen, der raucht, ist eine Zumutung. Die Luft in der Stadt ist ohnehin schon schlecht. Neben jemandem im Restaurant zu essen, der am Nachbartisch auf der Terrasse raucht, ist ebenfalls störend und unappetitlich. Ich habe schon mit Menschen gesprochen, die das Verbot des Rauchens in Gasträumen so interpretierten als sei es damit im Freien unproblematisch. Das ist sicher nicht der Fall. In Wirklichkeit gibt es die vage Möglichkeit, dass im Freien der Wind einmal so steht, dass jemand in der Nähe den Rauch nicht abbekommt. Nicht mehr und nicht weniger. Abgasimmissionen in die Umwelt sind ein ernstzunehmendes Problem, besonders dort, wo viele Menschen auf engem Raum sich die Ressource Atemluft teilen müssen. Verschmutzung durch Zigarettenrauch oder andere Abgase ist respektlos und ein Angriff auf das Wohlbefinden und die Gesundheit in der näheren Umgebung Atmender.

Vorschlag 3 (Die positive Gestaltung der Situation): Man ergibt sich nicht dem Werbedruck der Tabak- und Alkoholindustrie wie ein vor der Schlange erstarrendes Kaninchen, sondern finanziert (aus welchen Töpfen wäre zu klären) Werbekampagnen, die für Themen der Gesundheitsfürsorge und der gegenseitigen Rücksichtnahme sensibilisieren. Man wirbt also für Gesundheit und Moral, man verbietet nicht generell. Ein schönes Beispiel in Deutschland ist die Anti-Alkohol-Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (z. B. Youtube – Kampagne BZgA), ein weiteres tolles Beispiel aus unserem Nachbarland, den Niederlanden, sind einige der Kampagnen der Stiftung für ideelle Reklame (SIRE), die ein Gleichgewicht der Aufmerksamkeit zwischen kommerziellen Industrieinteressen und schützendem Gesundheitsbewusstsein sowie sozialem Verhalten zu schaffen versuchen (Beispiel die jüngste Ecstasy-Kampagne von 2015: Youtube – SIRE Ecstasy oder die Kampagne über asoziales Alltagsverhalten von 2009: Youtube – SIRE Asoziales Verhalten oder die Kampagne über den Glauben an das Gute im Mitmenschen von 2010: Youtube – SIRE Gute Mitmenschen).

Ich hätte hier gerne über Philip Morris‘ subversive Maybe-Kampagne aus den Jahren 2011 bis 2015 (schwerpunktmäßig bis 2013) geschrieben, die sich (von den Medien und dem Bayerischen Verwaltungsgericht München übrigens unbemerkt) in den Windschatten des Lebensgefühls eines jugendlichen Pop-Liedchens einklinkte (Youtube – Carly Rae Jepsen, Call Me Maybe), um (wie besagtes Gericht in letzter Instanz nicht zu sehen glaubte: Anwaltskanzlei Gleiss Lutz – Meldung über Aufhebung Werbeverbot; Urteil Bayerisches Verwaltungsgericht München), Jugendliche mit dem alten – und immer von der Industrie in etwas äußerst Billiges umgedeuteten – Wunsch zur Coolness zum Rauchen zu verführen. Auch hätte ich gerne über die vollkommen infame „You decide“-Kampagne geschrieben, deren Veröffentlichung wohl kaum zufällig mit etwas Vorlauf zur seit Mai diesen Jahres eingeführten Pflicht zum Abdruck von Schockbildern auf Zigarettenverpackungen geschaltet wurde (Bundestag – Umsetzung der Tabakproduktrichtlinie) und diese Gesetzesinitiative bis heute an jeder Ecke subtil aber offen verhöhnt: Du entscheidest, was Du glaubst, lautet die Botschaft übersetzt. Lass Dir den Schmarrn der grauen Herren in Brüssel ja nicht einreden. Ich hatte mir die Frage stellen wollen: Wie kann man so etwas verbieten? Es wäre auch viel einfacher und witziger, einfach ein Verbot auszusprechen. Jemandem etwas zu verbieten hat ja auch etwas Schönes an sich – es gibt das Gefühl von Macht und Selbstbestätigung.

In einer als zivilisiert geltenden Gesellschaft jedoch, in der Meinungsfreiheit etwas zählt, wird man auch gegen bei zweimaligem Hinsehen unmoralische Botschaften nicht mit Verboten reagieren können. Das liefe der Freiheit zuwider, von der die die Konzerne, die diese Werbung verbreiten, nur allzu gut wissen, dass wir sie alle lieben und suchen. Also argumentieren wir einfach ökonomisch und zeigen auf, dass wir uns durch das Suchtverhalten vieler eines Teils unseres Wohlstands beraubt fühlen. Die ökonomische Sprache wird am ehesten verstanden und nachrechnen lässt sie sich, trotz der Komplexität der Erfassung externer Kosten, auch. Und da, wo der Rauch nicht verfliegen kann, ehe er die Atemwege eines Unbeteiligten erreicht, verbieten wir das Rauchen aufgrund der einfachsten menschlichen Grundregel, nämlich der der Reziprozität, nicht umsonst auch „Goldene Regel“ genannt: Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füg‘ auch keinem anderen zu. Dann bemühen wir uns darum, eine bessere Kampagne für das Atmen frischer Luft zu führen als es die für das Rauchen ist (Frische Luft wird ohnehin knapp und dadurch von selbst immer wertvoller und begehrenswerter: The Telegraph – Chinese buy bottled air from Canada, Youtube – SciFi-Ausblick). So werden wir unserer Freiheit und dem Problem des Rauchens womöglich am Ehesten gerecht.

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2 Gedanken zu “Kommentar – You decide, maybe.

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