Filmbesprechung – „Brigitta“ von Dagmar Knöpfel nach der Novelle von Adalbert Stifter (1993/94, s/w, 80 Minuten)

Der Rückblick eines lieben Freundes auf 100 Filme der letzten 15 Jahre hat mich angeregt, selber über einen Film zu schreiben. Von den 100 erwähnten hatte ich selber nur einen gesehen und wieder vergessen. Ein Film aber bewegt mich seit 19 Jahren und über ihn möchte ich ein paar Worte verlieren: „Brigitta“ von Dagmar Knöpfel nach der gleichnamigen Novelle von Adalbert Stifter.

Brigitta_Bild

Wie über Viscontis Film „Der Tod in Venedig“ gesagt wird, dass er in kongenialer Weise Thomas Manns Text widerspiegele, so gilt das auch für diesen Film. Auf berührende Weise zeichnet er sowohl die Atmosphäre als auch die Botschaft von Adalbert Stifters Buch unverfälscht nach und schafft es, sie durch die sinnlichen Dimensionen, die dem Medium Film eigen sind, auf seine Weise zu erhöhen. Und das, ohne der Fantasie, die beim Lesen entstanden ist, einen Abbruch zu tun. Möglicherweise kommen die sinnlichen Dimensionen Bild und Ton, die der Film zusätzlich zum Buch mitbringt, genau deshalb so gut zur Geltung, weil der Film mit ihnen auf die sparsamste Weise umgeht, die ich je in einem Film gesehen habe. Sogar Stummfilme und Robert Redfords schweigende Konfrontation von Mann und Ozean „All is Lost“ kommen noch nicht einmal in die Nähe dieses Umgangs.

Dadurch, dass die Erwartung an diese beiden Dimensionen des Mediums Film (auf beinahe unerbittliche Weise) gebrochen wird, wird erst die Magie der Zeit greifbar, die gerade in Stifters schöner Getragenheit steckt. Die Zeit, die es ermöglicht, bei sich selbst zu sein, die Zeit, die es ermöglicht, die Gemeinschaft mit anderen zu erleben und wertzuschätzen, die Zeit, die Wunden heilt.

Die Rahmenhandlung der jedem zeitlichen Diktat entzogenen Reise des Freundes zum schlussendlich die Freundschaft stark vertiefenden Wiedersehen nimmt die Kernbotschaft vorweg: Zwei Menschen, die einmal geheiratet hatten und sich wegen einer Untreue, einer außerhalb ihrer Beziehung liegenden Verführung, getrennt haben, kommen nach 15 Jahren wieder zusammen. Viele Jahre war er, dem sie Untreue vorgeworfen hat (nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund eines bei ihr von Kindesbeinen an vorhandenen Bewusstseins für die eigene, nicht perfekte äußere Schönheit, wodurch sie besonders verletzlich war), auf Reisen in der Fremde gewesen. Ein wenig auf der Flucht vielleicht vor dem Erlebten, ein wenig auf der Suche nach sich selbst. Die Zeit hat ihn reifen lassen und ihn bewogen, sich in ihrer Nähe niederzulassen.

Er wird, ohne zunächst ihre private Nähe zu suchen oder sich aufzudrängen, ein loyaler Nachbar und vertrauenswürdiger Verbündeter in der Kooperation benachbarter Landgüter, der sie (Brigitta) vorsteht. Erst dann wagt er es wieder, ihre unmittelbare Nähe zu suchen, als sie schwer krank wird. Er fährt zu ihr und pflegt sie gesund. Doch bleibt in dem Verhältnis der beiden noch über längere Zeit eine Distanz, die erst nach einem Unfall des gemeinsamen Sohnes von ihr aufgegeben wird. Brigitta lässt in der gemeinsamen Wache am Krankenbett des Sohnes ihre Gefühle für den alten Geliebten wieder zu. Sie spürt und versteht, dass seine Gefühle für sie viel tiefer waren und geblieben sind, als sie in ihrer Enttäuschung vor anderthalb Jahrzehnten geglaubt hatte und hatte glauben wollen.

So handelt der Film vom komplizierten Zusammenspiel eigener Komplexe, starker Gefühle, der Tiefe von emotionalen Verletzungen, von Blindheit für die Güte und Verletzlichkeit des jeweils anderen und von der Zeit, die zusammen mit tiefer Zuneigung der Grund für die Hoffnung auf Heilung dieser Dinge ist. Sie erlaubt das persönliche Reifen, sie erlaubt es, Verantwortung zu übernehmen, Glaubwürdigkeit wieder herzustellen und das Gute in einem selbst und im anderen Überhand gewinnen zu lassen. Die Kernbotschaft heißt: Was auch immer zwischen zwei Menschen an Verletzung, an Kränkung, an Trennung und Schmerz geschieht, die wirklich etwas füreinander empfinden – aufrichtiges Bemühen um und für den anderen über die Zeit hinweg hält einen Funken der Zuneigung füreinander am Leben und darin wird eine Qualität von Liebe sichtbar, die eine eigene Schönheit und etwas Tröstliches besitzt. Es liegt darin sogar etwas Erotisches, eine spürbare Hingabe, Zurückhaltung, Selbstbeherrschung und Vertrautheit, die einen beinahe knisternden Charakter gewinnt. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich bin ein Fürsprecher direkter körperlicher Auseinandersetzung zwischen den Geschlechtern. Doch manchmal gehen die Dinge schief und wenn sie dann doch gut gemeint waren, zeigen Stifter und Knöpfel einen glaubwürdigen Lösungsweg auf, dem Weisheit und Echtheit innewohnen.

Nach gängigen Wahrnehmungsmustern vermutlich der langweiligste Film, der je gemacht wurde. Für mich der aufregendste und schönste. Kein anderer hat mich je auf so vielen Ebenen so stark angesprochen und so tief berührt.

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