Bericht – Mikropolitik

Nach nunmehr ziemlich genau fünf Jahren in Frankfurt am Main, frage ich mich kürzlich verstärkt: Warum fahren ab halb sieben Uhr morgens Müllautos durch die Straßen, warum ab sieben Uhr Kehrmaschinen? Warum fahren in deutschen Städten immer noch benzingetriebene Motorroller? Wieso riechen die Dieselautos heute viel giftiger als früher? Warum lässt die Stadt ihre Mitarbeiter Laub und Staub mit benzinbetriebenen Bläsern beseitigen, statt mit Reisigbesen? Warum wird auf Baustellen auch zwischen 12 und 13 Uhr gearbeitet, also wenn alle Arbeitnehmer in den Straßencafés einen Moment Ruhe und Entspannung von ihrer Arbeit suchen?

Ein erster Blick fällt ins Grundsatzprogramm der Grünen Partei: Aktuelles Grundsatzprogramm der Partei Bündnis 90/Die Grünen von 2002. Sie ist die Umweltpartei, sie muss etwas zu sagen haben zu diesen Fragen, denke ich. Auf Seite 25 von 190 werde ich fündig: Verkehrslärm wird kurz erwähnt. Auf Seite 34 wieder das Wort Lärm, diesmal als „Lärmgefahren“. Dann auf Seite 35 wieder Verkehrslärm. Auf Seite 38 nochmal „lärmarme Fahrzeuge fördern“. Auf Seite 39 ebbt das Thema Lärm ab. Fazit: Fokus auf das allgemeine Wort „Verkehrslärm“, keine konkreten Ideen, große Oberflächlichkeit.

Dann eben ein Blick ins Bundestagswahlprogramm von 2013, das zweite große offizielle programmatische Papier, das Gültigkeit hat: Bundeswahlprogramm der Partei Bündnis 90/Die Grünen von 2013. Hierin wird auf S. 155 von 337 darauf hingewiesen, dass Lärm krank macht. Immerhin. Ab Seite 169 wird „Nachhaltige Mobilität für alle“ beschrieben, aber es bleibt beim Tenor aus dem Grundsatzprogramm: Lärm ist eine Sache des Straßenverkehrs. Keine konkreten Problembeschreibungen, keine Lösungsansätze, nichts Kreatives. Nur Geplänkel. Schade.

Wenn man das so liest, bekommt man den Eindruck, die Grünen, die die beiden Papiere verabschiedet haben, wüssten nicht, wie es sich in der Stadt lebt. Warum werden die Probleme, die es in einer Stadt gibt, nicht benannt? Warum wird kein einziger mutiger oder unkonventioneller Vorschlag zu ihrer Beseitigung beschrieben?

Male ich mir selber aus, wie eine lebenswerte Stadt aussehen sollte, kommen mir viele Gedanken. Die Chinesen, zum Beispiel, erlauben in vielen Ihrer Städte seit über zehn Jahren schon keine benzinbetriebenen Mopeds und Motorroller mehr. Alles ist dort elektrisch, kein Mensch, der sich behende und agil auf einem Roller durch den Stadtverkehr schlängeln möchte, verursacht dort noch Lärm oder giftige Abgase und Gestank. Maßnahme 1: Elektroroller statt Benzinroller.
Das wäre ein Vorschlag. Dann die Taxis, auch da sind die Chinesen Vorreiter: in den meisten Städten besteht die Flotte, deutschlandfreundlicher Weise, aus VW Santanas, teilweise in den letzten Jahren nicht mehr aus dem Klassiker der deutschen 80er Jahre, sondern aus dem Santana 2000 (Foto VW Santana 2000) und dem Santana 3000 (Foto VW Santana 3000). Um die 5.000 Euro kostet ein fabrikneuer Santana in China. Und angetrieben werden diese Autos selbst noch in kleineren Städten, fast ausschließlich mit Erdgas. Auch das verbrennt deutlich geruchsärmer als Benzin oder Diesel. Von der vermutlich ebenfalls geringeren Giftigkeit ganz zu schweigen. Maßnahme 2: Ergas-, Wasserstoff- und Elektrotaxis statt rußausstoßende E-Klasse-Flotten im Taxigewerbe. Auch das eine Idee, die anderswo schon seit Langem gut funktioniert.
Und wie könnte nicht eine Stadt sein, in der die Müllabfuhr erst dann kommt, wenn der Großteil der Menschen ihren Tag in Ruhe und Friedlichkeit hat beginnen können, sagen wir ab halb zehn Uhr? Nicht nur diejenigen, die heute um sechs Uhr früh schon die S-Bahn zum Flughafen so sehr füllen, dass man um diese eigentlich noch ruhige Stunde in der Bahn stehen muss und die, die einen Schichtdienst zu absolvieren haben, sondern auch diejenigen, die im Büro bis spät abends arbeiten müssen und also etwas später aufstehen oder die zuhause Kinder mit dem Geräusch von singenden Vögeln frühstücken und aufwachsen sehen wollen? Wie wäre es, wenn sich auch die Kehrmaschinen an diese Regel halten würden und außerdem, wie auf jedem Campingplatz der Republik, der unsere Kultur schätzt und hochhält, auch mittags eine Ruhezeit eingehalten würde? Maßnahme 3: Einhaltung gesellschaftsüblicher Ruhezeiten auch durch städtische Dienste. Wie viele Menschen würden nicht fröhlicher und entspannter ihren Arbeitstag beginnen, wenn er mit einer gewissen Ruhe und Würde anfangen könnte?
Und wie wäre es, wenn die Gemeindeverwaltungen und die Hersteller von Müllautos und Kehrmaschinen auch die Schallemissionen der von ihnen in Auftrag gegebenen und hergestellten Geräte in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellen würden? Wäre das im Land des Maschinenbaus und der Ingenieure zu viel verlangt? Maßnahme 4: Schalldämpfung bei Arbeitsgeräten um jeden Preis.
Wie wäre es, wenn die Automobilindustrie sich nicht hinter Euro 6-Norm und lockerer Gesetzgebung rund um die chemische Zusammensetzung von Treibstoffen verstecken würde, sondern Benzin- aber vor allem Dieselmotoren von der Empfindung eines ungeschützt im Stadtverkehr atmenden Fußgängers oder Radfahrers her entwickeln würde? Warum ist noch niemand auf die Idee gekommen, einen Dieselmotor zu bauen, dessen Abgase so gut gefiltert werden, dass er nicht rußt und stinkt und die Menschen in seiner Umgebung vergiftet? Maßnahme 5: Vollständige (geruchs- und giftstofffreie) Reinigung der Dieselabgase. Vielleicht mag das schwierig sein, aber man darf sich ruhig vergegenwärtigen, dass es fast 50 Jahre her ist, dass man Menschen auf dem Mond gelandet hat. Ich denke, dass die Möglichkeiten weniger das Problem sind als der Wille.
Da wären jetzt noch die benzinbetriebenen Laubbläser. Klar, Reisigbesen sieht man auch noch bei der Stadtreinigung, auch in Frankfurt. Vor drei Wochen noch sah ich Angestellte damit die Straßen reinigen. Aber weshalb nicht ausschließlich damit? Der Reisigbesen ist geräusch- und geruchsarm, die Leute könnten sich in der Verwendung abwechseln. Er ist zwar leichter als ein Benzinmotorgebläse über der Schulter und damit vermutlich auch ergonomisch und orthopädisch zu bevorzugen, aber kurzfristig sicher etwas anstrengender in der Handhabung. Dass man das Laub unter den überall alles vollparkenden Autos hervorblasen können muss, mag ein Argument sein, aber nur so lange, wie man akzeptiert, dass die Stadt voller Autos stehen muss. Auch hierfür könnte man sich etwas Besseres einfallen lassen. Maßnahme 6: Reisigbesen statt lauter und stinkender benzinbetriebener Laubbläser für die Straßenreinigung.
Was sonst würde eine ideale Stadt tun, um das Leben ihrer Bewohner angenehm und gesünder zu machen? Würde sie sonntägliche Sportveranstaltungen von dröhnenden Hubschraubern aus filmen lassen in einer Zeit, in der jedes Kind mit batteriebetriebenen Drohnen spielt, die fast gar keinen Lärm verursachen? Maßnahme 7: Luftaufnahmen mit Drohnen statt störenden Hubschraubern. Ist das alles etwa besonders kreativ? Ich denke nicht – eigentlich sollten diese Dinge alle selbstverständlich sein. Man könnte noch einen Schritt weitergehen und beispielsweise einen der großen verbliebenen Anachronismen des Haushalts, nämlich den lauten, jaulenden Staubsauger, in großen Wohnanlagen durch leise, diskrete Staubsaugerroboter ersetzen. Wenn 200 Parteien in einem Wohnblock wohnen, staubsaugt immer irgendwer (siehe hierzu Reinhard Meys schönes Lied: Irgendein Depp bohrt irgendwo immer: Reinhard Mey: Irgendein Depp bohrt irgendwo immer). Maßnahme 8: Staubsaugerroboterpflicht in großen Wohnanlagen.

Warum fällt den Stadtoberen nicht auf, dass die Zeit reif ist für neue Konzepte des Lebens in der Stadt? Überall parken nun Car2Go-Autos und book-n-drive- und Citeecar-Fahrzeuge. Die Firma Bosch bringt Elektroroller im Sharingmodell auf die Straße, der Baden-Württembergische Energieversorger EnBW bietet seinen Kunden schon seit vielen Jahren E-Bikes und eine Art leichtes E-Motorrad an. Fahrradwege werden unter dem neuen Frankfurter Bürgermeister just in diesen Tagen vermehrt ausgewiesen und ausgebaut. Wer braucht noch ein fossil betriebenes eigenes Fahrzeug im Herzen der Stadt? Eine moderne Stadt könnte bundesweit ein Zeichen setzen und an ihren äußeren U- und S-Bahnstationen große Parkhäuser bauen, in denen ihre Bürger die Privatfahrzeuge abstellen könnten. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrrädern oder Carsharing-Autos wären diese in wenigen Minuten zu erreichen. Zum Transport von Schwerem gäbe es einen städtischen Transportservice, der das Urlaubs- oder Reisegepäck zum Auto fahren könnte. Warum nicht? Plötzlich wäre die Stadt fast autofrei und fast gänzlich abgasfrei. Ein bisschen radikal gedacht, aber auch nicht radikaler als eine Stadt, in der man vor lauter Autos sogar als Radfahrer ausgebremst wird und außerdem an toxischen Abgasen erstickt. Würde man dieses bekannte Modell heute neu erfinden, würde ihm aus erwähnten Gründen niemand zustimmen, von den Sicherheitsrisiken, die mit dem freien Steuern von tonnenschweren Stahlkisten über Asphaltpisten einhergehen, einmal völlig abgesehen. Maßnahme 9: Private Autos an den Stadtrand.

Macht man einmal einen Schritt zurück und betrachtet die Lebensbedingungen in den Städten mit etwas Distanz, wird der nicht gänzlich abgestumpfte Betrachter feststellen, dass einiges schlicht inakzeptabel ist. Leichtfertig in Kauf genommener Lärm, der mit etwas gutem Willen zu vermeiden wäre, dauerhaft mit toxischen Abgasen fossiler Brennstoffe verseuchte innerstädtische Atemluft, überholte technische Lösungen, die trotz ihrer belastenden Wirkung auf die Bewohner weiterhin genutzt und nicht durch vorhandene neue Lösungen ersetzt werden, die leiser und für die Gemeinschaft verträglicher sind.

Wenn man den Kardiologen zuhört, die seit vielen Jahren in Radiointerviews fast gebetsmühlenartig davon sprechen, dass unser Bewusstsein unseren Körper vor den Folgen der Lärmbelästigung nicht schützen kann und dass das kardiovaskuläre System selbst dann noch extremem und extrem gesundheitsschädigendem Stress ausgesetzt ist, wenn wir den Lärm ausgeblendet haben und nicht mehr bewusst wahrnehmen und wenn man dazu die Statistik der Todesursachen hinzuzieht, versteht man, dass es sich nicht um ein Phantomproblem besonders empfindlicher Städter handelt. (Statistisches Bundesamt: Tabelle der häufigsten Todesursachen in Deutschland 2014; Statistisches Bundesamt: Tabelle der todesursächlichen Herzkreislauferkrankungen, Apotheken Umschau: Lärm, Die Welt: Lärm ist Körperverletzung, Der Spiegel: Lärm macht krank, Umweltbundesamt: Lärm verursacht Stress und Herzkreislauferkrankungen). Ich weiß nicht, ob in Städten schon einmal untersucht wurde, ob unter den, sagen wir, 3.000 Menschen, die in unmittelbarer Nähe einer Rettungswache leben und dauernd dem Geräusch von gellenden Martinshörnern ausgesetzt sind, nicht langfristig im Zweifel mehr Stresstote zu beklagen sind als durch die Rettungseinsätze auf der anderen Seite Leben gerettet werden können. Auch hier könnte einerseits ein sensiblerer Umgang seitens der Sanka-Fahrer, aber auch das Verbannen von Privatfahrzeugen aus den Städten und eine neue technische Lösung, die Fahrzeuge automatisch an den Straßenrand lenkt und anhält, wenn sich ein Rettungsfahrzeug nähert und Fußgänger und Radfahrer per Handy oder Smartwatch warnt, neue und weniger invasive Wege und Lösungen ermöglichen.

Wenn man die wenig aussagekräftigen Parteiprogramme der Grünen ansieht, muss man mit einem langen Weg durch die Institutionen rechnen, wollte man das hier erörterte Thema erfolgreich in die Parteipolitik tragen. Sicher ist das eine gute Idee und absolut notwendig. Doch auch diesseits eines Engagements in etablierten oder neuen Parteien, gibt es gute Möglichkeiten, sich zu engagieren. Ich nenne sie „Mikropolitik“. Jeder von uns kann täglich politische (Etymologie von Politik: Wikipedia: Wortherkunft von „politisch“: Dinge, die die Stadt betreffen) Wirkung entfalten, in dem er selbst auf lärmende und giftige Fortbewegung soweit möglich verzichtet. Und gerade in der Stadt wird es immer wichtiger, an einem neuen Bewusstsein mitzuarbeiten und Mitmenschen freundlich und offen auf schädigendes Verhalten anzusprechen: „Entschuldigen Sie bitte, aber Ihr Motorroller ist sehr laut – ich möchte gerne, dass Sie wissen, dass mich das stört“. Oder: „Entschuldigen Sie bitte, aber Ihr Fahrzeug rußt aus dem Auspuff – das ist giftig und ich fühle mich damit nicht wohl“. Oder: „Entschuldigen Sie bitte, würden Sie bitte aufs Rauchen verzichten? Der Rauch tut mir nicht gut.“ Oder: „Entschuldigen Sie, ich empfinde den Auspuff Ihres Autos/Motorrads als sehr laut – ich fühle mich dadurch gestört“. Diese Zivilcourage zu beweisen und Mitmenschen auf tendenziell gemeinschaftsschädigendes Verhalten hinzuweisen, das heute noch gesetzeskonform und allgemein geduldet ist, kann helfen, unmittelbar Denkprozesse in Gang zu bringen. Ich selbst habe auf solche und ähnliche Ansprachen hin verschiedenste Reaktionen bekommen, von entschuldigenden und ratlosen bis hin zu beleidigenden. Nie jedoch wurde mir mit Gewalt begegnet und solange man akzeptiert, dass es nicht darum geht, sofort eine Änderung im Verhalten zu bewirken, sondern sich mit dem Geben von Denkanstößen zufrieden gibt, kann ein solches Gespräch immer respektvoll, höflich und kurz ausfallen, ohne zu viel Ärger und Stress zu verursachen. Mikropolitik erfordert Zivilcourage, aber sie entfaltet ihre Wirkung in den Köpfen und Herzen unserer Mitmenschen schneller als die ebenfalls wichtige Arbeit in Parteigremien. Ich würde mir mehr davon wünschen.

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