Kommentar – Alltag hinterfragt: Radio

Wie wahrscheinlich ist es, dass alles, was wir im Alltag für selbstverständlich halten, tatsächlich selbstverständlich ist? Dass die Dinge, wie sie sind, so am besten geordnet sind? Blicken und horchen wir um uns: Wie kann es zum Beispiel sein, dass einer der meistgehörten staatlichen Radiosender in Deutschland, der Sender Bayern 3 (Radioszene, Bayern 3 auf Platz 8 von 108), konstant Hollywood-Musik sendet (nicht im wörtlichen, aber im Sinne Horkheimers und Adornos, bei denen Hollywood als Symbol für die Massenverdummung mittels Massenmedien steht), also billigen englischsprachigen Massen-Pop (Playlist Bayern 3)?

Ich kann darüber nachdenken, solange ich will, mir will es nicht einleuchten. Die Sachen sind in den meisten Fällen schlecht gemacht und abgeschmackt. Beispiele sind irgendwelche „Songs“ von Kylie Minogue oder Rihanna, von Tony Braxton und Mariah Carey. Alles – pointiert formuliert – weichgewaschene Sinnbefreiung mit unterlegtem Bass. Warum sollte ein staatlicher Radiosender seinen Hörerinnen und Hörern so etwas vorsetzen? Welche Intention könnte dahinter stecken? Denn das darf man ja wohl annehmen, dass eine Institution wie der Bayerische Rundfunk mit einem seiner meistgehörten Programme eine Intention verfolgt. Anders gefragt: was verbindet einen Münchener oder Bamberger, Passauer oder Würzburger mit den in seicht dahin plätscherndem oder sprechgesungenem Englisch vorgetragenen Liedtexten des Belgiers „Milow“? (Zu Künstlernamen, die aus nur einem Wort bestehen, empfehle ich den entsprechenden Beitrag des verstorbenen George Carlin: George Carlin on one name singers) Was hat die Lebenswirklichkeit eines 50 Cent oder eines Justin Bieber oder Timberlake mit unserer Lebenswirklichkeit und was haben ihre Erlebnisse mit unseren zu tun? Was erhoffen sich diejenigen, die diese Dinge nach Bayern und seine angrenzenden Länder hineinsenden, für einen Erkenntnisgewinn beim Hörer oder was für eine ästhetische Berührung?

Die einzigen Lieder, die mich in den vergangenen zehn Jahren im Radio berührt haben und in mir das Gefühl hervorgerufen haben, hier werde jetzt mal eine erhörenswerte Botschaft in hörenswerter Form gesendet, waren das Lied Tim Bendzkos über fehlgeleitete Karrieristen (Tim Bendzko: Nur noch kurz die Welt retten) und das vermutlich von der Wirtschaftskrise inspirierte Lied von Hubert von Goisern über Geld (Hubert von Goisern: Brenna tuats guat). Achja, und noch Papaoutai vom Belgier Stromae, ein Lied, das im weitesten Sinne darüber nachdenkt, dass es als Mann schwer ist und meist misslingt, seine Vaterrolle zu verstehen und ihr gerecht zu werden (Stromae: Papaoutai). Ansonsten hat mich nichts berührt. Es läuft aber dauernd was. Es ist, angesichts einer offenbar kleinen Zahl an Liedern, die mit einem gesellschaftlich anspruchsvollen Gedanken geschrieben worden zu sein scheinen, unwahrscheinlich, dass all die anderen Menschen, die nicht ich sind, das völlig anders einschätzen würden, wenn sie bei dieser Frage einmal innehalten würden.

Natürlich mag das ein oder andere Melodiechen, das irgendein von der Musikindustrie getriebener halbwegs musikalisch Begabter zu einem maximal generischen Thema (vermutlich: Liebe, der Sache aber nicht gerecht werdend) aus seinem Computer gezaubert hat, leicht unterhaltend wirken. Aber allein das sollte die massenhafte Verbreitung von staatlicher Seite aus nicht rechtfertigen. Warum engagiert sich der Bayerische Staat dennoch so stark dafür? Eine mögliche Antwort kann das „Panis et Circenses“ der Antike sein, das das Volk beschäftigt und ruhig halten soll. Eine andere, die sich möglicherweise mit der ersten überlappt, wäre, dass es jemand anderen gibt, der ein Interesse daran hat, amerikanischen Pop-Schrott zu verkaufen. Die Amerikaner zum Beispiel. Gibt es vielleicht ein geheimes Zusatzprotokoll zum Marshall-Plan, das die massenhafte Ausstrahlung von amerikanischer Pop-Musik in den ersten 250 Jahren nach Ende des zweiten Weltkriegs vorsieht? Tantiemenzahlungen an die in den USA unter Vertrag stehenden „Künstler“ inklusive? (Wikipedia, Marshallplan, Wirtschaftliche Bedeutung für die USA).

Mit oder ohne Verschwörungstheorie darf man jedenfalls annehmen, dass in Bayern Menschen amerikanische, englischsprachige und auch seichte deutschsprachige und bayerische Pop-Musik (besonders seicht und reaktionär ist Seiler und Speer: Ham kummst, natürlich auf Bayern 3 lange Zeit in der sogenannten „heavy rotation“ gespielt, also sehr oft) aus demselben Grund toll finden, aus dem beispielsweise muslimische Frauen freiwillig Kopftuch und Schleier tragen: man hat ihnen von Kindesbeinen an verkauft, dass das so richtig sei. Ästhetisch und moralisch hinterfragt wird die Qualität dieser Popmusik angesichts der Hörerzahlen jedenfalls offenbar nicht. (Und viele erkennen sie interessanter Weise nicht als unschön und tendenziell kleinhaltend, obwohl sie – im Gegensatz zu Kopftüchern und Schleiern – nicht unbedingt religiös-sakrosankten Status besitzt. Selbst, wenn das Verhalten entrückter Konzertbesucher manchmal etwas anderes vermuten ließe). Um wirklich in einem kleinen vierminütigen Kunstwerk etwas Relevantes über das Leben zu sagen, dazu bedarf es einer gewissen eigenen persönlichen Empfindungstiefe und manchmal auch Lebenserfahrung als Künstler. Das Schöne an der Kunst ist ja, dass sie unterhaltend und kritisch zugleich sein kann (siehe beispielsweise Rainhard Fendrich: Es lebe der Sport, Adriano Celentano: Svalutation, Billy Joel: Pianoman). Das macht Kunst vielleicht aus.

Und deshalb ist das meiste, was im Radio gespielt wird, eben gerade keine Kunst, sondern im besten Fall schlechte Unterhaltung. Sie lenkt uns ab, sie regt uns nicht zum Denken und Fühlen an, indem sie es schafft, einem guten Gedanken über unser Zusammenleben oder das Leben überhaupt, eine besonders schöne und unterhaltende Form zu geben. Dabei hätten wir so viele Themen, die mit Gefühl und Kunstfertigkeit behandelt werden könnten: Von der Armut im eigenen Land über eine sich aus Juristen und Beamten rekrutierende Politikerkaste hin zur Flüchtlingskrise, von der Umweltverschmutzung über die europäischen Völkerfreundschaften hin zum Syrienkrieg. Vom Milchpreis und unserem Konsumverhalten über die Pflege unserer oft atemberaubend schönen Landschaften durch die Landwirte hin zur Endlagersuche und zum Atomausstieg. Von der Verlorenheit und Sehnsucht eines nicht aktiv gelebten Lebens, wie Billy Joel es besingt, über Inflation (Celentano) und unsere gewissenlose Sensationsgier (Fendrich). Natürlich gehören auch Liebe und Sex, Tabus, Hemmungen und Normen dazu, wenn dazu etwas gesagt werden kann, das Gefühle und Gedanken auf neue Art inspiriert. Hier könnte ich mühelos noch einige Zeilen mit Themen füllen, die sich einer poetischen Bearbeitung geradezu aufdringen und das Herz eines jeden von uns vermutlich viel stärker und unmittelbarer berühren könnten, als der sehr gewollt daherkommende Konsumschmarrn, der einem heute auf Bayern 3 konstant um die Ohren jodelt (s. Playlist oben).

Man müsste ja noch nicht einmal ganz auf diese Seichtigkeiten verzichten. Aber umgekehrt ganz oder fast gänzlich auf eine gute Kombination aus Herz und Verstand, ergo auf Kunst im oben definierten Sinne, zu verzichten, ist unverständlich und wirft Fragen über die Führung und Steuerung eines staatlichen Senders auf. Die Dauerkonfrontation mit Seichtem senkt systematisch unsere Qualitätserwartungen als Hörer und entmündigt uns damit durch gezielte Ablenkung. Auf einer dreistündigen Autofahrt nur B5 aktuell oder das „Tagesgespräch“ auf Bayern 2 zu hören, wäre eine mögliche Abhilfe. Manchmal brauchen wir als Menschen aber Musik und Leichtigkeit. Weil wir in der Stimmung dazu sind und den Kopf frei brauchen und mitsummen können wollen und hinter dem Lenkrad im Rahmen des verkehrstechnisch Verantwortbaren Kopf und Oberkörper zur Musik mitbewegen können wollen. Und ich behaupte hier nur, dass genau das eben nicht systematisch auf der untersten Stufe stattfinden muss. Ein gut gemachtes Lied mit einer Aussage oder Frage über das Leben, das wir täglich leben, kann uns auf leichte und lockere Weise Gedanken und Stimmungen einhauchen, die uns Schwung, Mut, Kraft und Energie geben, Dinge im Leben anzugehen und für uns und andere zu verändern. Aus einem Gefühl der Freude und des Engagements heraus, das uns die Musik zu vermitteln vermag. Auf diese Möglichkeit im staatlichen Radio so systematisch zu verzichten, ist eine große vertane Chance.

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2 Gedanken zu “Kommentar – Alltag hinterfragt: Radio

  1. Bayern 5! Erneut beweisen Sie Geschmack. Ich gebe Ihnen im Übrigen vollkommen recht – es ist schlichtweg nicht auszuhalten, was dort passiert und an so genannter U-Musik gesendet wird. Meine Zehen verfaulen und meine Zähne fallen aus.

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