Buch-Besprechung: Hermann Hesse, Das Glasperlenspiel

Ich habe heute einen Klassiker mitgebracht, und zwar aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Wir reden hier über Hermann Hesses Glasperlenspiel. Hermann Hesse – wir kennen ihn von zahllosen anderen Veröffentlichungen. Mit sechzehn Jahren, heißt es, muss der Deutsche und die Deutsche den „Steppenwolf“ gelesen haben und sonst ist die Menschwerdung quasi nicht möglich. Heute also das etwas reifere Werk, möchte ich sagen, von Hesse: das Glasperlenspiel. Und ich steige gleich mal ein und lasse den ganzen Firlefanz draußenrum fort. Ich werde Ihnen sagen, dieses Buch, das Glasperlenspiel, das ist letztendlich ein antihierarchisches Anti-Karrierebuch, ein Anti-Buch, wie man es eigentlich so nicht erwarten würde im Kanon, gerade der großen deutschen Literatur. Doch ist es genau dort zu finden und daran sehen wir auch, was sich eigentlich getan hat in Deutschland. Wir sind nämlich, um zurückzugehen, geistig, zu Goethe und Schiller, den großen Schriftstellern, von einem Land der Dichter und Denker zu einem Land der totalen Produktion, der totalen Ingenieursleistung geworden, das sozusagen für philosophische Fragen nichts mehr übrig hat. Hermann Hesse beschreibt in seinem Buch „Das Glasperlenspiel“, wie ein junger Mensch ganz hoffnungsfroh einen Lauf durch die Institutionen beginnt, ohne sich dessen gewahr zu sein. Er kommt als junger Schüler in die Obhut eines gutwilligen Lehrers, der in fördert, der sein Talent erkennt. Und der Junge spürt bald, dass er erkoren, auserkoren wurde, als besonders begabter Mensch eine besondere Rolle zu spielen zukünftig, sowohl in seiner Ausbildung als auch dann später für die Karriere, die dann vorgezeichnet wird durch diese Ausbildung. Und hier nimmt die Geschichte ihren Lauf und wird immer dynamischer und Du spürst, wie auf jeder Seite die Dynamik, die Befriedigung, die Freude des Lehrers, diesen hoffungsvollen Keim entdeckt zu haben, ihn pflegen und hegen zu können. Und der Keim selbst, der junge Mensch, fühlt sich geehrt. Er fühlt sich geehrt, er wird von Lehrern, von Leuten, die ihm zugetan sind – von Lehrern und Tutoren – auserkoren. Auserkoren – eine wahnsinnige Ehre! Alles hat mit dem sozialen Umfeld zu tun. Das soziale Umfeld definiert Erfolg durch einen fast schon steppenwolfesken Wahn, möchte man sagen, der entsteht durch diese Selbstbeweihräucherung in diesem sozialen Milieu, in dem diese positive Dynamik (aber verhängnisvolle Dynamik!) der Elitenselektion stattfindet. Und jetzt kürze ich es ab: Das ganze Buch beschreibt dieses Umfeld. Er macht die tolle Ausbildung, er nimmt dann im Anschluss an die Ausbildung wichtige Positionen in dieser Organisation der Glasperlenspieler wahr und wächst und es wird mit einer großen Liebe und Hingabe erzählt, wie er wächst, wie er jede weitere Beförderungen als besondere Ehre und besondere Verpflichtung und Verantwortung wahrnimmt. Um dann irgendwann – recht plötzlich – müde zu werden. Müde – und zu spüren: das hier, diese Welt, dieser Elfenbeinturm, in dem ich mein ganzes Leben bisher verbracht habe, den ich für alles hielt, kann doch nicht alles sein. Ihm fällt es wie Schuppen von den Augen. Und er entscheidet sich – und das ist ein dramatischer Wendepunkt, den der Lesen spüren kann, dessen Dramatik der Leser spüren kann – er entscheidet sich gegen diese Karriere und beschließt auszusteigen und das bunte Leben außerhalb der Organisation kennenzulernen. Das Leben, was möglicherweise das echte Leben ist. Er weiß es nicht, aber er spürt, er hat nicht alles gesehen. Er hat möglicherweise etwas verpasst. Und er steigt aus. Er folgt dem Ruf eines Freundes, der das ganze Leben immer schon außerhalb dieser Organisation verbracht hat. Der dort – das dürfen wir ruhig dazusagen – auch nicht glücklich geworden ist. Aber, der ihn gerne zu sich nimmt. Im Übrigen müsste man nochmal genauer untersuchen, wie das mit dem Glück des außerhalb dieser hierarchisch strukturierten Organisation lebenden Freundes genau ausschaut. Er geht hin, mit der Aufgabe, sich um die Erziehung des Sohnes dieses Mannes, dieses Freundes, zu kümmern, geht mit ihm zu einem Haus in den Bergen, wo sie diese Phase des gegenseitigen Kennenlernens, des Erziehens, beginnen wollen und am Morgen des ersten Tages, an dem er die Aufgabe angenommen hat, springt er in den Bergsee, gemeinsam mit dem Sohn, um einen „morning swim“, wie wir neudeutsch sagen, zu unternehmen und stirbt dabei den Tod durch Hitzeschlag oder Kälteschlag, wie auch immer, einen Herztod, einen plötzlichen Tod. Und das Buch ist vorbei, in diesem Moment endet das Buch. Und was sagt uns dieses Buch also? Das Buch warnt, wie kein anderes Buch, das ich je gelesen habe, vor diesem blinden Enthusiasmus für das, was im Prozess einer Elitenselektion stattfindet: des sich gegenseitigen Über-den-Klee-Lobens, des sich gegenseitig in ein Konstrukt, in eine Denk- und Lebenskonstrukt Hineinlobens, das man hinterher hinterfragen kann. Und es warnt den Leser, den jungen Leser wie den alten Leser, diese Mechanismen von Vornherein zu hinterfragen, nicht erst, wie es dem Protagonisten im Buch ergeht, wenn’s zu spät ist. Ein ganz tolles Buch der Freiheit, der Denk- und der Lebensfreiheit, wie man es so schnell nicht wiederfindet in der hohen deutschen Literatur. Ich glaube, ein Schatz, der vielerorts im Acker vergessen wurde.

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