Kommentar – Gedanken zum Anstandsbegriff von Friedrich Merz

Friedrich Merz bewirbt sich um den Vorsitz der CDU. Die Medien widmen dieser Nachricht viel Aufmerksamkeit. Ich nehme den Trubel zum Anlass – schon aus Freude an der Debatte – selbst ein paar Gedanken beizutragen. Dabei frage ich, ob Herr Merz sich nicht vielleicht selbst täuscht, wenn er davon ausgeht, er sei grundsätzlich „anständig“. Und ich schließe die Überlegung an, ob nicht jeder und jede von uns anfällig ist für die Art von Selbsttäuschung, die ich bei ihm zu erkennen meine.

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„Konservativ sein heißt zuallererst, sich anständig zu benehmen“, wird Friedrich Merz‘ Leitgedanke zitiert. Die Kandidatur des ehemaligen CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden für den Vorsitz der noch größten verbliebenen Volkspartei wirft die Frage danach auf, was anständig sein heute für uns als Bürger und Wähler bedeutet. Wen möchten wir gerne als Vertreter unserer Interessen, als Sprachrohr unserer aggregierten Meinungen und Ansichten an der Spitze der größten Partei der „Mitte“ – deren Adressat dieser Definition nach ja alle oder fast alle sind – sehen und ihn das, was uns bewegt, vortragen hören?

  1. Möchten wir einen Anständigen, der sich nur dadurch als anständig qualifiziert, dass er Frauen eben nicht ohne ihr Einvernehmen ans Geschlechtsteil fasst, so, wie es der amerikanische Präsident nach eigener Aussage tut?
  2. Oder sind unsere Ansprüche etwas höher? Legen wir etwa Wert darauf, dass der Kandidat, der uns und unsere Interessen und Wertvorstellungen, unser Leben und unsere Zukunftschancen in der größten politischen Partei des Landes vertreten soll, etwa keine Steuern hinterzieht, im Gegensatz zu beispielsweise dem isländischen Ministerpräsident Gunnlaugsson im Skandal um die Panama Papers?
  3. Oder würde uns auch das noch nicht genügen, um einen Menschen als anständig anzusehen, sondern würden wir dazu neigen, mehr in ihm oder ihr sehen zu wollen? Hätten wir vielleicht gerne, dass er ein wenig ist wie wir, dass er zudem bodenständig ist, uneitel, und für andere da, auch, wenn die Presse nicht mit dabei ist und ihn beim Gutsein fotografiert? Hätten wir vielleicht gerne, dass wir uns auch mit seinem Beruf identifizieren können und dass er nicht das 30- oder 50- oder 200-fache von dem verdient, was wir verdienen? Weil wir das nicht verstehen können und weil etwas in uns sich regt und sagt, dass das wahrscheinlich ungerecht ist, sicher aber so etwas wie Neid auslösen kann?

Bei Friedrich Merz drängt sich nun durch die Berichterstattungen über seine berufliche Verbindung zur weltweit größten Investmentgesellschaft (die auch als „heimliche Weltmacht“ bezeichnet wird) und seine anderen geschäftlichen Engagements die Frage auf, ob er nicht gleich gegen zwei der oben beschriebenen möglichen Erwartungshorizonte verstößt. Da er Aufsichtratsvorsitzender der Firma Blackrock ist, die möglicherweise in den größten Steuerraub der Geschichte verwickelt ist, möchten wir gerne verstehen, ob wir es nicht bei Merz mit jemandem zu tun haben, der sich mit Kriminellen gemein macht aus der Kategorie des rücksichtslosen und skrupellosen „Pussy-Grabbers“ Trump, mit Milliardären, denen andere Leute völlig egal sind und die ausschließlich und über Leichen nur ihren eigenen Vorteil suchen. Nämlich mit den Räubern von mühsam verdientem Steuergeld, die mit ihren Cum-Ex-Machenschaften viele Milliarden Euro von einfachen CDU- und CSU-Wählern verdientem Geld aus der Staatskasse gestohlen haben, um sich davon Boote, Flugzeuge und mehrere Häuser auf Mallorca und sonst wo zu kaufen und in den arabischen Emiraten wilde Champagnerpartys zu feiern (s. die Recherchen von correctiv.org unter folgendem Link: https://cumex-files.com/). Alle sind sich einig, dass Merz gewiss nichts mit diesen Machenschaften selbst zu tun hat und man darf, wenn man ihm in Interviews zuhört, davon ausgehen, dass er solche Taten ablehnt und sogar verabscheut.

Verabscheut er es aber auch – und das führt uns zu Zweifeln über seine Qualifikation für den oben beschriebenen möglichen dritten Erwartungsmaßstab, den wir vielleicht gerne an einen anständigen Menschen anlegen würden – von reichen Vermögensverwaltern hofiert zu werden, mit dem schönen Titel „Aufsichtsratschef“ versehen zu werden, hohe Gehälter auf sein Konto fließen zu sehen? Auf Wikipedia ist für eine Beratertätigkeit einmal von 5.000 Euro brutto pro Kalendertag die Rede, versehen mit dem Zitat von Friedrich Merz, dass es sich hierbei um „Standardstundensätze“ gehandelt habe. Das durchschnittliche Gehalt eines deutschen Arbeitnehmers und einer deutschen Arbeitnehmerin liegt heute bei 3.771 Euro brutto im Monat. Das Standardstundensatz-Zitat und auch seine vielfältigen Engagements im Bankensektor zeigen, dass die Antwort darauf nein lautet: Er verabscheut das nicht. Er sucht diese Kontakte und er stellt sich gern und mit großem monetären und prestigemäßigen Gewinn in den Dienst der Unternehmen, die solche „Standardstundensätze“ bezahlen. Legt der Vergleich dieser Stundensätze mit dem deutschen Durchschnittslohn nicht schon nahe, dass hier das Feld des Anstands weit verlassen ist? Eine normale Wertschöpfung, mit der jeder einfache Arbeitnehmer, ob gering oder hochgebildet, sein Brot verdient, kommt nicht ansatzweise in die Nähe der Beträge, die hier bezahlt werden. Muss man sich dann nicht fragen, als jemand, der vorgibt, dass Anstand ihm so wichtig sei, woher dieses Geld kommt? Wenn ein Universitätsprofessor, ein Geschäftsführer eines Bäckerei-, Dachdecker- oder Heinzungsinstallationsbetriebs und ein Zahnarzt vielleicht 100.000 Euro im Jahr verdienen können, mit Glück vielleicht 150.000 Euro (und das sind die hart arbeitenden Besserverdiener, von den einfachen Angestellten soll an dieser Stelle gar nicht die Rede sein), wie kann dann ein Monatsgehalt von 150.000 Euro auch durch „anständige“ Arbeit erwirtschaftet worden sein? Die Wahrscheinlichkeit dafür ist äußerst gering, wird jeder mit ein wenig Auffassungsgabe allein an der krassen Diskrepanz erkennen. Zumindest also entsteht durch diese schwere Nachvollziehbarkeit eine moralische Beweislast bei dem, der so unfassbar viel Geld einstreicht, dass es nicht auf Kosten anderer und also auf unanständige Weise erlangt worden ist. Dieser muss er sich stellen. Und grundsätzlich stellt sich die Frage, ob es nicht schlicht unanständig ist, so viel mehr anzunehmen als die meisten Menschen um einen herum, ganz unbenommen der Anständigkeit oder Unanständigkeit der dahinterliegenden Tätigkeit. „Relativer Wohlstand“ ist das Stichwort in der Sozialwissenschaft (s. den ersten Abschnitt dieses Blogartikels, der auf den folgenden, zugangsbeschränkten Artikel in Science verweist und den hier verlinkten Zeitungsartikel aus dem Telegraph). Er steht am Ursprung von Neid und Missgunst. Ein kluger Kopf müsste es ablehnen, solch tiefe Gräben zwischen unterschiedlichen Wohlstandsniveaus entstehen zu lassen oder sogar aktiv an ihrer Entstehung mitzuwirken.

Friedrich Merz ist darum kein möglicher Kandidat für den Vorsitz einer großen Volkspartei. Er ist einer Haltung aufgesessen, die für den eigenen Wohlstand, das eigene Ansehen, die eigene Eitelkeit bereit ist, ein Auge zuzudrücken. Eine Haltung, die weitverbreitet ist und die ihre Wurzeln hat im Materialismus, im Wunsch nach sozialem Aufstieg durch das Haben von Dingen, mit denen man nach außen seinen sogenannten Erfolg zeigen kann. Wie viele Menschen drücken nicht ein Auge zu, um sich ein neues Auto leisten zu können, ein größeres Haus? Man drückt ein Auge zu, wenn man früher aufsteht als der eigene Körper es nahelegt, um rechtzeitig an die besser bezahlende Arbeitsstätte zu gelangen. Man drückt ein Auge zu, wenn man im Betrieb nach den zehn gesetzlich erlaubten Arbeitsstunden ausstempelt und trotzdem weiterarbeitet, um dem Chef zu gefallen und die eigenen Karrierechancen zu erhöhen. Man drückt ein Auge zu, wenn man Kinder hat und erst um 19:30 Uhr nach Hause kommt, weil die Arbeit im Büro so wichtig ist, an der ja der schicke Dienstwagen und das große Gehalt hängen und man drückt ein Auge zu, wenn man sich als Elternpaar dafür entscheidet, dass die Frau die meiste Elternzeit nimmt, weil „sie ja weniger verdient“ und das deshalb „günstiger“ sei.

Viel zu oft sind Menschen bereit, ein Auge zuzudrücken, um ihren meist vollkommen ausreichenden materiellen Wohlstand und ihr in ihrer eigenen Wahrnehmung damit nicht unwesentlich verknüpftes gesellschaftliches Ansehen zu mehren, anstatt die eigentlich wichtigen Dinge im Leben in den Mittelpunkt zu rücken: Zeit miteinander zu verbringen, Muße zu haben, ein gutes Buch zu lesen, Musik, Sport und Spiel zu genießen. Friedrich Merz ist nur die Spitze eines riesigen gesellschaftlichen Eisbergs menschlicher Eitelkeit und einer Art materialistischer Hysterie. Für sein eigenes Fortkommen hat er sich gemein gemacht mit Menschen, deren Verdienstmodell in den Augen einer das Volk vertretenden Partei nur ein unanständiges sein kann, wie der Vergleich oben zeigt. Seine Kandidatur sollte Anlass geben, dieses rücksichtslose Verhaltensmuster gegen uns selbst und gegen andere, das auf dem Wunsch nach dem Höher, Schneller, Weiter fußt, grundsätzlich zu überdenken. Eine Idee wäre, etwas selbstbewusster auf die soziale Ausstrahlung der eigenen Persönlichkeitsmerkmale zu blicken, die auch ohne die Unterstützung durch den Besitz prestigeträchtiger Gegenstände eine positive Wirkung auf unsere Mitmenschen entfalten können.

Ein anständiger Mensch, den wir als Bürger und Wähler schätzen und respektieren und dem wir ein hohes soziales Prestige zubilligen, muss jemand sein, der sich um andere kümmert und bemüht, der sich bildet und klug zu uns sprechen kann, ohne dabei hochnäsig zu sein, der sich in den Dienst der Gemeinschaft stellt und seine Arbeit tut, ohne dabei einen unverhältnismäßigen Teil des insgesamt Erwirtschafteten für sich selbst abzuschöpfen und der sich aufrecht und mit Zivilcourage gegen jene stellt, die sich selbst schamlos auf Kosten anderer bereichern. Friedrich Merz kann diese Definition von Anstand nicht für sich in Anspruch nehmen und man mag es ihm kaum übel nehmen, das selbst nicht erkannt zu haben, weil es zu sehr normal geworden ist, dass jeder auf Teufel komm raus seinen eigenen materiellen Vorteil sucht.

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For better and worse, “Hostiles” points out the inherent absurdity in the quest for redemption

My friend Reinhard offers some thoughts on war and its moral implications which one will not easily find in the national press. However, another friend of mine, the late D-Day veteran Ken from the UK, would have embraced his views, as he knew too (bloody) well what being in a war really means.

MultiMediographer

“Except for the guys to my left and my right. Those guys are what it’s all about.”
Korengal (Dir. Sebastian Junger. USA/ITA/AFG, 2014)

There is an absurd(ist) conundrum at the center of a soldier’s role in war, and the above quote captures it really well. Once you’re “in the shit” you find the reason why you went there in the first place. But you cannot know it unless you go. Put another way: your fellow soldiers, the brothers you never knew you had, would never even need your protection, if all of you had just managed to find a way to stay home. Alas, then you would never have a chance to become brothers-in-arms in the first place. As a guiding principle in a theater of war, it’s potentially yet unequivocally life-saving. At the same time, if you were to try and use this sort of reasoning as an…

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www.versorgter-bürger.de ist live

Ein gesellschaftspolitischer Hinweis aus München von grundlegender Bedeutung für die laufende Flüchtlingsdebatte. Man möchte mit etwas volkswirtschaftlichem Grundlagenwissen hinzufügen: Wir sind vor allem deshalb so gut versorgt, weil wir mit der Gobalisierung das globale Wohlstandsgefälle optimal zu unseren Gunsten auszunutzen gelernt haben und weil die europäische Währungsunion mit wirtschaftlich schwächeren Ländern unsere Währung so bezahlbar hält, dass wir die in Deutschland hergestellten Produkte zudem auch noch zu attraktiven Preisen weltweit verkaufen können. Was mit der D-Mark und dem hohen deutschen Handelsüberschuss der letzten Jahre so nicht hätte funktionieren können, da sich der Wechselkurs marktbedingt stark zuungunsten des Exports verändert hätte.

First.Person.Writer

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Ich bin ein VERSORGTER Bürger. Was das bedeutet? Nun, ich wurde von liebenden Eltern herangezogen, durfte einen Kindergarten, eine Grundschule, ein Gymnasium und anschließend eine Universität plus Auslandsjahr besuchen, während ein stabiler Freundes- und Bekanntenkreis an meiner Seite stand und steht.

Jetzt wohne ich in einer abschließbaren Wohnung, habe Strom, Gas, Wasser und bin an eine schnelle Datenkommunikation angeschlossen. Jederzeit kann ich mir in Laufnähe etwas zu essen kaufen, zu einem Arzt oder einer Postfiliale gehen. Handwerker sind im nächsten Umkreis zur Stelle.

Meine deutsche Staatsangehörigkeit stattet mich mit vielen Grundrechten aus: Versammlungsfreiheit, Mobilität…oder das Wahlrecht (wobei das noch längst nicht alle sind!).

Ja, ICH bin ein rundherum gut versorgter Bürger – daher habe ich mir für ein Jahr die URL www.versorgter-bürger.de gesichert. Denn wenn Ihr glaubt, das sei alles selbstverständlich und nicht ein riesiges Glück, habt Ihr nicht das Geringste verstanden.

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Buchbesprechung: „12 Rules for Life, An Antidote to Chaos” von Jordan Peterson

Jordan B. Peterson, 12 Rules for Life, An Antidote to Chaos, Penguin, 2018, 370 Seiten

Jordan Petersons im Januar erschienenes Buch „12 Rules for Life“ ist weltweit mehrere hunderttausend Mal verkauft worden. Peterson selbst hat in den vergangenen zwei Jahren durch seine kontrovers diskutierte Teilnahme an einer kanadischen Debatte über die sprachliche Dimension geschlechtlicher Identität und die Veröffentlichung von Vorlesungen auf Youtube Bekanntheit erlangt. Er ist ein kanadischer Professor für Psychologie und ein klinischer Psychologe. Kritiker werfen ihm vor, in seinen bewusst auf Traditionen rekurrierenden, altmodischen Botschaften einer rechtsgerichteten Denkweise Vorschub zu leisten. Einer Denkweise, die die positiven Errungenschaften von Gleichberechtigung und individueller Freiheit abzuwerten trachte.

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Zähe Lektüre
Die große öffentliche Aufmerksamkeit, die Jordan Peterson zuteilwird, rechtfertigt es, einige Zeilen über das Buch zu schreiben. Zunächst sei gesagt, dass sich das Buch nicht einfach liest. Es ist relativ langatmig und voller ausführlicher Beispiele, die nicht alle einen strikten „Redundanz-Test“ überstehen würden. Mit 370 Seiten manchmal spürbar kanadischen Englisch etwas altmodischen Einschlags, das man aus den Vorlesungen von Jordan Peterson kennt und denen außerdem noch ein unnötig langes, 35-seitiges Vorwort vorangestellt wird, ist es technisch betrachtet ein zähes Stück Lektüre.

Weniger wäre mehr gewesen
In den Rezensionen, die man im Internet findet, ist immer wieder die Rede davon, dass das Buch neben einer Funktion als „Self-help“-Buch auch eine Art Einführung in die Philosophie oder sogar Mythologie böte. Das ist aber gerade nicht der Fall und sollte potenzielle Leser nicht auf eine falsche Fährte locken. Es ist besonders augenfällig, dass das Buch genau dort seine Stärken hat, wo es aus der Erfahrung seines Autors als klinischem Psychologen schöpft. Hier erfüllt es seinen Zweck als Selbsthilfe-Ratgeber. Gegen diesen erfrischend-interessanten Hintergrund des Einblicks in ein Arbeitsleben mit hauptsächlich vom Sein geschlagenen Menschen, wird aber auch und gerade die große (vor allem methodische) Schwäche der Versuche sichtbar, philosophisch oder religiös zu argumentieren. Hier ist das Buch inkonsistent, oft geradezu erratisch und beliebig und bleibt in einer keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen könnenden, privaten Weltanschauung verhaftet. Der Autor versucht künstlich, dieses mehr befremdliche als überzeugende Beiwerk zu einer Art geistigem Substrat für die Erzählung einer Berufserfahrung zu machen, die viel stärker und überzeugender ohne diesen Rahmen dastehen könnte.

Holzschnittartig und weltanschaulich tendenziös
So ist das Logische nicht per se männlich und das Chaotische nicht per se weiblich, es stellt keinen Verstoß gegen die guten Sitten dar, vom Mann als dem schwachen Geschlecht zu sprechen, es ergibt sich nicht zwingend aus der Biologie, dass die Frau die Kinder erziehen muss und die Funktion des Mannes als Beschützer der Frau zu sehen sei. Man mag als Mensch solche Ansichten teilen oder ihnen widersprechen. In einem Text, der den Anspruch erhebt, einem breiten Publikum eine Hilfestellung zum besseren Umgang mit der Welt und dem Leben geben zu wollen, verbietet sich jedoch apodiktisches Schwafeln. Das tut Peterson aber und versäumt es, auf Folgendes hinzuweisen: In alten Kulturen mag das Logische als männlich geprägt worden sein, etwa weil Männer die Bildung bekamen, Texte schreiben zu können und dann in der Umsetzung von ihrer Kompetenz-Kompetenz nicht ohne Eitelkeit Gebrauch gemacht haben. So, darf man annehmen, bilden sich nun einmal sozial kommunizierbare und verinnerlichbare Vorstellungen. Mehr steckt wahrscheinlich nicht dahinter und deshalb ist es schwach, daraus ein ontologisches Argument stricken zu wollen, das ganz grundlegend beeinflussen will, wie wir Männer und Frauen in sozialen Situationen bewerten. Und sieht man sich die verhältnismäßig hohe Lebenserwartung der Frau an und wirft man im privaten Umfeld einen Blick auf Ehepaare über 70, erscheint die Qualifizierung des Mannes als dem „schwachen Geschlecht“ einfach begreifbar. Es entscheidet also schlicht die Wahl der Perspektive darüber, ob man sich über eine Zuschreibung ärgert oder lustig macht oder sie einleuchtend findet. Und wenn er schon biologisch argumentiert, warum wählt er dann nicht auch die Vögel als Beispiel aus, die sich in strikter Gleichberechtigung um ihren Nachwuchs sorgen oder nimmt sogar solche zum Exempel, bei denen die Hauptlast fürs Brüten beim männlichen Part liegt (s. „Brut bei anderen Vögeln“)? Stattdessen beschränkt sich Peterson auf gewachsene Stereotypen wie: Die Frau hat die Hauptlast der Kindeserziehung zu tragen und deshalb wählt sie einen Mann aus, der ihr dabei den Rücken freihalten kann und um den sie sich nicht zusätzlich zum Nachwuchs auch noch kümmern müsse. Durchaus denkbare und sinnvolle andere Gründe, einen selbständigen, selbstbewussten, lebensfähigen Menschen als Partner zu selektieren lässt er vollkommen außen vor. Diese wären auch weder biologisch begründbar noch ausschließlich in eine Richtung, sondern für beide Geschlechter gleichermaßen gültig. Man denke nur an die Wünschbarkeit einer nicht allzu dumpfen Konversation in potenziell vielen Ehejahren oder an gemeinsame sportliche Interessen. Peterson bleibt hier zu holzschnittartig, vielleicht auch gerade, weil er mit seiner Erfahrung als klinischer Psychologe viel vom unteren Spektrum der praktischen menschlichen Glücksmöglichkeiten kennengelernt hat. Auf diesem sehr basalen Niveau des Beispiels der weiblichen Selektion zwischen einem potenziellen Ernährer und einem Taugenichts, und in der Einseitigkeit, wie er die darauf gerichtete Selektion ausschließlich bei der Frau verortet, vermag der Erklärungsversuch für Menschen, die nicht gänzlich am unteren Spektrum der Lebensfähigkeit herumkrebsen, keine Botschaft zu vermitteln. Die viel interessantere Denkpiste unterschiedlicher Gewalterfahrungen von Männern und Frauen (Ablehnung durch Frauen als primäre Gewalterfahrung vom Mann, körperliche Gewalt durch Männer als primäre Gewalterfahrung der Frau) schneidet er zwar an, verfolgt sie aber nicht auf eine tieferen Erkenntnisgewinn bringende Weise.

Philosophisch lückenhaft und religiös unsensibel
Genauso wenig hilfreich wie die im schlechten Sinne konservativen stereotypen Gemeinplätze sind Petersons Gedanken über das menschliche Glück, die Happiness, der er mal kritisch und abwertend gegenübertritt und die er dann an anderer Stelle wieder als erstrebenswert bezeichnet. Hier fehlt ein sauberes Konzept dessen, was Happiness bedeutet. Stattdessen lässt sich erahnen, dass an der einen Stelle die Verwendung des Begriffs etwas Oberflächliches bezeichnen muss, an der anderen Stelle etwas Erfüllendes, Wertiges. In der Philosophie gibt es ein langes Ringen um den möglichen Inhalt von Glück im menschlichen Leben. Hier wären Aristoteles und auch Hume hervorzuheben. Diese Autoren liefern Konzepte zum besseren Verständnis des Begriffs und seiner Befüllung. Dieser Tradition bedient sich Peterson nur kursorisch und stiefmütterlich, verwendet den Happiness-Begriff im weiteren Verlauf dann wieder vollkommen unkritisch und verzettelt sich so naturgemäß begrifflich.
Auch mag es in Ordnung sein, über eigenes religiöses Empfinden zu schreiben und doch lässt er dabei eine Selbstverständlichkeit walten, die versäumt, darauf hinzuweisen, dass ein Gottesbild nicht ohne Weiteres verallgemeinerbar und damit in erster Instanz etwas Privates und sehr Persönliches ist und also wirkt der geringe Grad der Abstraktion auf diesem Gebiet beinahe übergriffig, wenn Peterson über Gott schreibt und was Gott und das Göttliche für ihn bedeuten. Etwas mehr Feinfühligkeit und Zugänglichkeit für Menschen mit einem distanzierteren Blick auf Religion wären hier ganz angebracht gewesen.

Schuster bleib‘ bei Deinen Leisten
Unsaubere Verallgemeinerungen, die als Stütze für Petersons Weltsicht dienen sollen, durchziehen das ganze Buch. Zum Beispiel ist der Vergleich des durchschnittlichen Wohlstandes verschiedener amerikanischer Ureinwohnerstämme eine solche unsaubere Verallgemeinerung. Sie soll offenbar dazu dienen, ein Argument gegen staatlich organisierte Umverteilung zu machen. Peterson will damit auch die diskriminierende Qualität von Wohlstandsunterschieden zwischen verschiedenen Gruppen infrage stellen. Der Verweis ist aber in seiner Kürze schlicht manipulativ und wirft die Frage auf, ob die Kenntnis von mehr Details den Vergleich nicht hinken lassen würde (S. 315). Oder wenn Peterson suggeriert, die Erfindung der Anti-Baby-Pille durch einen Mann sei ein Akt der Männer zur Befreiung der Frau gewesen, dann kann das eine fragwürdige bis groteske Wirkung bei einem (im philosophisch, sexuellen und medizinischen Sinne) aufgeklärten Leser oder einer aufgeklärten Leserin entfalten (Man darf dabei an die hormonelle Belastung des Körpers durch das Medikament denken oder an die Vorteile, die auch Männern aus dieser Möglichkeit erwachsen sind oder etwa auch an die immer wieder einmal in der Presse aufblitzende und vermutlich nicht gänzlich unabsichtlich von Männern unterschlagene Möglichkeit, diese Art der hormonellen Verhütung dem Mann angedeihen zu lassen, um nur drei spontane Gedanken zu nennen, die an der wohltätigen Intention der übrigens ohnehin vorwiegend männlichen Erfinderwelt zu zweifeln erlaubt erscheinen lassen; s. S. 305). So lassen sich konstant einseitige Argumentationsschnipsel finden, die immer ein bisschen zu klar und ein bisschen zu einfach illustrieren, was dem Autor gerade in den Kram passt. Von der Aufgabe der klassischen Rollenverteilung im Haushalt (S. 271) bis hin zum sozialen Mechanismus der Identifikation mit einer Gruppe zum Zwecke der Landesverteidigung (s. 264). Man könnte das alles so sehen und man könnte auch nicht und darum wäre es klug gewesen, wenn er sich beim Schreiben auf das beschränkt hätte, womit er sich aus eigener beruflicher Anschauung wirklich auskennt.

Die wenig reifen und unsauberen Argumentationsmuster beschädigen das Buch und man darf davon ausgehen, dass es nicht veröffentlich worden wäre, wenn die im Internet entstandene Popularität des Autors nicht gute Verkaufszahlen und einen schönen monetären Gewinn für den Verlag versprochen hätte.

Ehrliche und erdige Ratschläge aus der beruflichen Praxis
Doch kann man als Leser auch etwas mitnehmen aus der Lektüre. Nämlich das geerdete Weltbild eines Mannes, der jahrzehntelang als praktizierender Psychologe viel Leid gesehen und unzähligen vom Leben geschlagenen und beschädigten Menschen zugehört hat. Darum sieht er das Leben auf erfrischende Weise von unten und denkt es von seinen Härten und Schwierigkeiten ausgehend. Diese Perspektive lässt ihn die Wichtigkeit der ganz kleinen positiven Veränderungen im Leben verstehen. Und so weist er überzeugend auf den Erfolg und die Schönheit hin, die in diesen oft minimalen Schritten der Selbstbezwingung und Selbstverbesserung gefunden werden können. Mit diesem Ansatz ist zweifellos auch jedem vermeintlich gesunden Leser ein guter Rat gegeben. Prokrastination, Unordnung, Ehestreit, verzogene Kinder sind nur vier Alltagsprobleme, die vermutlich den meisten Menschen im Laufe ihres Lebens begegnen und denen Peterson sich widmet. Für einen guten Umgang damit und einen Weg zu mehr Zufriedenheit in diesen Dingen gibt er Ratschläge aus seiner Praxis, die ehrlich und erdig sind und die man gerne und ohne den Zweifel ideologischer Färbung und auch ohne den Zweifel mangelnder Methodenkenntnis liest.

 

Lokalpolitik: Mein erster Antrag im Ortsbeirat 1 der Stadt Frankfurt am Main

Ich habe an dieser Stelle schon früher über Umweltthemen geschrieben:

In dieser Woche nun habe ich den Eintritt in die institutionelle Politik gewagt und mit den Grünen im Ortsbeirat 1 der Stadt Frankfurt am Main einen Antrag eingebracht, der vom Magistrat der Stadt die Nachbestellung leiserer Kehrmaschinen fordert. Die Sitzung fand am Dienstagabend statt und der Antrag wurde, mit den Gegenstimmen der CDU, verabschiedet.

Lokalpolitik ist ein zeitraubendes Geschäft: Die Sitzung des Ortsbeirats mit seinen 19 Mitgliedern begann um 19 Uhr und endete erst um halb zwölf Uhr nachts. 40 Anträge standen auf der Tagesordnung. Mit dem offiziellen Teil ist die Politik aber nicht getan. Beim anschließenden Wirtshausbesuch, der bis halb zwei Uhr nachts andauerte, wurde die wichtige politische Dimension des Gemütlichen und Zwischenmenschlichen fraktionsübergreifend gepflegt. Ein sehr sympathischer Aspekt der Lokalpolitik, wie ich erfahren durfte. Gleichermaßen war er aber inmitten einer Arbeitswoche auch konditionell fordernd.

Der Antrag

Der Antrag selbst nimmt im Grunde eine Regelungslücke im europäischen und nationalen Recht aufs Korn: Es gibt keine Obergrenzen für die Schallemission von Kehrmaschinen und Müllautos (im administrativen Jargon „Müllsammelfahrzeuge“) in der einschlägigen EU-Richtlinien und Bundes-Verordnung. Die Hersteller haben freie Hand in der Konzeption und Konstruktion der Maschinen und die Stadtbewohner müssen so Geräuschpegel vor ihren Fenstern ertragen, die im Bereich von Hubschrauberlärm, Kettensägenkreischen und Trompetenmusik liegen (s. Tabelle im Antrag).

Für die Kehrmaschinen gibt es nur eine Auszeichnungspflicht. Sie müssen ein Schild tragen (s. Abbildung im Antrag), das über ihren Schallemissionswert Auskunft gibt. Doch nicht einmal dieser praktisch nur wenig bewirkenden Pflicht kommt die Stadt Frankfurt nach.

Ziel des Antrags (der im Namen der beiden Fraktionsmitglieder der Grünen im Ortsbeirat, Andreas Laeuen und Anna Warnke, eingereicht wurde) ist es, das Bewusstsein für Lärm als innerstädtisches Problem, als Gefahrenquelle für die Gesundheit und die Lebensqualität der Stadtbürger zu schärfen (Kardiologen warnen immer wieder in den Medien vor den Belastungen, die Lärm auf das kardiovaskuläre System ausübt, die Relevanz dieser Hinweise wird greifbar, wenn man die Liste der häufigsten Todesursachen des Statistischen Bundesamtes betrachtet: Statistisches Bundesamt: Tabelle der häufigsten Todesursachen in Deutschland 2014; Statistisches Bundesamt: Tabelle der todesursächlichen Herzkreislauferkrankungen, Apotheken Umschau: Lärm, Die Welt: Lärm ist Körperverletzung, Der Spiegel: Lärm macht krank, Umweltbundesamt: Lärm verursacht Stress und Herzkreislauferkrankungen).
Gleichzeitig soll die Position der Kommune als Kunde und Käufer der besagten Maschinen genutzt werden, im Sinne der Bevölkerung eine lenkende Wirkung auf die Hersteller auszuüben.

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Am gleichen Tag meldete der NDR, dass die Stadt Hamburg bereits die ersten vollelektrischen Müllautos in der Praxis testet. Sie ist der Stadt Frankfurt damit weit voraus und lässt den nun eingebrachten Antrag im Ortsbeirat sogar ein wenig alt aussehen. Die neuen Fahrzeuge sind unter anderem deutlich leiser als die alten, mit fossilen Brennstoffen angetriebenen. Und sie blasen keine Abgase in die ohnehin schon belastete Stadtluft.

Abstimmungsergebnis

Der Antrag wurde von allen Fraktionen bis auf die der CDU angenommen (Abstimmungsergebnis: Zustimmung: 4x SPD, 1x Linkspartei, 2x FDP, 1x Die Partei, 2x UB, 1x OkölinX-ARL, 1x BFF, 2x Grüne, Ablehnung: nach anfänglicher Uneinigkeit ob 3 oder 4 Gegenstimmen CDU mit 4 Gegenstimmen).

Randbemerkung zur politischen Kultur:

Eine Randbemerkung zum Abstimmungsverhalten der CDU möchte ich hier mitgeben, auch, wenn es immer eine Herausforderung ist, nicht ungerecht zu sein in der Kritik, die man an einer anderen politischen Partei äußert. Der Fraktionsvorsitzende der CDU, Michael Weber, hat zu Beginn der Debatte das Wort gegen den Antrag erhoben: Die Stadt würde sich schon an Regeln halten und einfach mal neue Maschinen zu kaufen, sei zu teuer. Obwohl der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Andreas Laeuen, die Bedeutung des Wortes „Nachbestellung“ im Sinne einer Ersatzbestellung für ausgedientes Material erklärte und der Vorsitzende der Ortsbeirats, Oliver Strank (SPD) darauf hinwies, dass eine der Funktionen des Ortsbeirats gerade darin bestehe, der Stadt gegenüber auch eine Kontrollfunktion auszuüben, blieb die CDU bei ihrer Antihaltung, für eine saubere Stadt müssten die Bürger eben „ein bisschen Lärm“ ertragen. Beim Abstimmen schwankte die CDU-Fraktion dann doch zwischen drei Nein-Stimmen und einer Enthaltung und den vier Nein-Stimmen, die sie letztlich – man kann vermuten aus einem gewissen Gruppenzwang heraus – abgegeben hat. Ein ähnliches Verhalten hat auch die CSU-Fraktion an den Tag gelegt, als meine Petition für die Abschaffung der materiellen Privilegien der ehemaligen bayerischen Königsfamilie in der Sitzung des Petitionsausschusses des Bayerischen Landtags am 29. September 2016 verhandelt werden sollte. Eine inhaltlich ausführlich begründete Sache, die der Allgemeinheit dienen soll, wurde in beiden Fällen eher abgewiegelt als offen mit nachvollziehbaren Argumenten diskutiert. Ich habe das in beiden Fällen als wenig konstruktiv und als eine dem demokratischen Meinungsbildungsprozess eher schadende Haltung empfunden. In beiden Fällen schien die Beschäftigung mit dem Antrag eher oberflächlich, zeigte die Fraktion kein Interesse an einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem aufgebrachten Thema, war eine reflexhaft abwehrende Haltung zu erkennen und führte eine wenig engagierte Arbeit (oberflächliches Lesen, abwiegelnde Stellungnahmen) in den Wortbeiträgen und Diskussionen zur falschen Wiedergabe des Antragszwecks oder zu einer Schwerpunktsetzung in der Debatte, die nicht im Kern des Anliegens stand, bzw. absichtlich oder unabsichtlich an ihm vorbeischoss. In der Position politischer Stärke liegt auch eine Gefahr für die Demokratie, weil sie so etwas wie die „Arroganz der Macht“ mit sich bringen kann. Dieses (falsche) Überlegenheitsgefühl lässt dabei die Qualität der inhaltlichen Auseinandersetzung, die in gegenseitigem Respekt stattfinden sollte, leiden. Nicht umsonst beklagt der Kabarettist Gerhard Polt, der (in seinem Fall) die bayerische Politik seit Jahrzehnten eng begleitet, er habe im CSU-dominierten Bayern nie eine echte Demokratie erlebt (bei 8‘45‘‘ ff.).

Audio-Mitschnitt (4’03“) der Verhandlung des hier beschriebenen Tagesordnungspunktes 34 „Nachbestellung von leiseren Kehrmaschinen“.

 

Theaterkritik: „Out of Order“ von der Gruppe „Forced Entertainment“ aus Sheffield im Bockenheimer Depot, Frankfurt am Main

Wer angesichts von Kriegen, Flüchtlingswellen, Fake News und Geheimsdienstanschlägen die Welt nochmal erklärt bekommen möchte, der geht dieser Tage in Frankfurt am besten ins Bockenheimer Depot zu „Out of Order“. Anderthalb Stunden Theater legen uns dort die Geschichte der Welt anhand einer pantomimischen Anthropologie zu Füßen. Keiner einzigen gesprochenen Silbe bedarf es für diese fesselnden und wohltuenden 90 Minuten.

Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler in gleichkarierten Anzügen durchlaufen die Zyklen des menschlichen Dramas: Gemeinsamkeit, Reizbarkeit, Hass, Verfolgung, Sorge, Hilfe, Zwang und scheinbare Beruhigung, dann wieder Reizbarkeit und Gereiztheit, die hochgradig unnachvollziehbar ist und wieder ausbricht in Hass, Aggression, Verfolgung, Zerstörung, Angst, Flucht, dem Bemühen, das alles zu besänftigen, was wiederum scheinbar ohne Grund passiert, nur, um im nächsten Moment wieder und stärker und schneller und doch immer gleich zu explodieren, zu eskalieren. Immer wieder, im Theater aufs unterhaltsamste und heimeligste untermalt mit Patti Austins rhythmischem Lied „Someone’s gonna cry“ („and it’s gonna be me“, heißt es im Text später, und nicht umsonst). Kein Wort wird gesprochen aber das Gespielte ist so aufs Wesentliche verdichtet, dass die Trumps, Kims, Erdogans und Mustermanns dieser Welt auf der Bühne zu tanzen scheinen und man sich denken darf: Danke, dass Ihr die traurige Gemeinheit der Menschen so wortkarg entlarvt.

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Der Theatergenuss ist so rund wie das Stück unkonventionell ist. Die Musik, die in der zweiten Hälfte von der oben erwähnten expliziten Songtextschleife zu Johann Strauss‘ Walzer von der schönen blauen Donau wechselt, ist Wohlfühlmusik mit einer unmissverständlichen Botschaft von erwartbarer Tragik und leicht und ewig plätschernder Ignoranz. Herz und Kopf sind damit bestens versorgt. Die Sprechfreiheit ist wohltuend, weil sie einem „den Unsinn erspart“, wie es mal im Werbejingle eines eher seriösen niederländischen Radiosenders formuliert wurde, oder, um es positiv zu fassen „Alles von Relevanz“ übrig lässt, wie die Selbstdarstellung des Deutschlandfunk es sagt. Das Gewicht der Szenen wird nicht zersplittert und aufgelöst von einem – wenn man Pech hat – zeitungeistig-gewollten Theatersprech, der so gekünstelt wirken kann, dass er mehr ablenkt als informiert.

Vom ewigen Kreislauf aus Reizbarkeit, Aggression, Angst und Verfolgung geht es irgendwann, vermutlich aus Langeweile, über in ein Muster gleichförmig-trottender Gefolgschaft, Eintönigkeit, Inspirations- und Individualitätslosigkeit. Herdentrieb und Mitläufertum führen zum pointiert gezeigten Verzicht darauf, selbst im Angesicht des Leides des Anderen, Verantwortung zu übernehmen und zugunsten des auf der Strecke Gebliebenen aus dem Immergleichen auszuscheren, dem alle folgen. Auch hier sagt das stumme Theaterstück mit Wucht so viel über unsere Wohlstandsgesellschaft im Angesicht des von ihr verursachten Wohlstandsgefälles, im Angesicht der Flüchtlinge, die durch unser Immerweiterso eigener Lebenschancen beraubt sind und die wegen unserer Bequemlichkeit und Angst auf keine Veränderung und keine gerechte Verteilung des Weltkuchens zu hoffen haben.

Sattes, leeres Spiel folgt dieser menschlichen Tragödie. Die wie Fleischberge Dalümmelnden blasen Luft in bunte Ballons und lassen sie im lustigen Spiel Pirouetten drehen nach allen Richtungen. Im Saal entlädt sich beim ein oder anderen der Frust des Arbeitstags (oder wahlweise das aufgestaute Bedürfnis nach ein bisschen Freude und Leichtigkeit) in hellem Lachen. Ein Bild der Dekadenz, dem nur wieder Eines folgen kann: Irritation, Streit, Kampf, Krieg.

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Diesmal mit anderen Mitteln, etwas „weiter“, etwas „höher“ entwickelt, etwas subtiler vielleicht, entsteht mittels Tröten aus der ludischen Phase von Muße und Spiel die Irritation. Der Übergang vom Spielerischen zur gezielten Bösartigkeit ist kaum wahrnehmbar, es ist ein ganz, ganz kleiner Schritt. Doch der genügt, um wieder da zu landen, wo alles begann: in atemloser Aggression, in Verfolgung, in panischer Angst.

All das ist so prägnant und entlarvt damit das große Kino mit seinen obszönen Gewaltdarstellungen als überflüssig. „12 Years a Slave“ oder „No Country for Old Men“ sind vor lauter Peitsch- und Folterorgien sowie blanker Mordlust viel weniger komfortabel anzusehen als dieses einfache Bühnenstück und bleiben doch schwächer in ihrer Aussage über das menschliche Sein.

„Out of Order“ der Gruppe „Forced Entertainment“ unter der Regie von Tim Etchells, seit dem 27. April 2018 im Bockenheimer Depot, nächste Vorstellungen am 3., 4. Und 5. Mai, sowie am 15., 16., 17. und 18. Mai, jeweils um 20 Uhr.

Die Kritiken aus F.A.Z. und taz hier zum Nachlesen.

Buchbesprechung: Goethes Faust – Ein gefährliches Buch

Johann Wolfgang Goethe – „Faust, Der Tragödie erster und zweiter Teil“, Reclam, 1996 und 2001, insgesamt 354 Seiten

Goethes Faust ist mit das aggressivste und meinungsstärkste Buch über Menschen, Menschentypen, Verhaltensweisen, die Gesellschaft, das Leben und immergültige Wahrheiten, das ich je gelesen habe. Der ganze Griechenpomp, der viele vom Lesen des Faust II abschreckt, kann ohne wesentlichen Bedeutungsverlust getrost verstanden werden als Kulisse und Unterhaltungsuntermalung, damit es „was zu gucken“ gibt und man als Leser neugierig bleibt. In dieser Kulisse tauchen die Sätze, um die es geht, wie Sternschnuppen auf. Sie haben die zeitlose Prägnanz, die den Faust zum meistzitierten deutschen Buch überhaupt gemacht hat.

Insgesamt ist das ganze Buch eine wilde Reise auf die Goethe uns mitnimmt. Entlang des Weges macht er deutlich, wo im menschlichen Leben das Glück gefunden werden kann. Und dass es oft woanders gesucht wird.

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Handlung
Geografisch geht die Fahrt von einem gotischen Studierzimmer aus über eine Hexenküche auf den Brocken, macht einen kurzen Abstecher in die Unterwelt und im nächsten Schritt fliegend weiter nach Griechenland, ins Meer, zu Felsenhöhlen, auf Schlachtfelder, in die Nähe Spartas auf eine Burg. Alles auf knapp 360 Seiten im Reclam-Format.

Philosophisch ist es ein Ritt durch die menschlichen Schwächen: durch angestaute sexuelle Lust, Schwindelei und moralische Verfehlung, Mord und Totschlag, Egoismen, falsche Handlungsmotive, Täuschung und Habgier. Trotzdem kommt Fausts Seele am Ende in den Himmel. Der rastlose Wissenschaftler wird vom Drang der Selbstvergöttlichung, vom pausenlosen Streben nach mehr und Höherem erlöst. Er wird erlöst, obwohl er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, für den Tod des Mädchens Gretchen und des gemeinsamen Kindes verantwortlich ist, ihren Bruder erstochen und indirekt auch die Mutter auf dem Gewissen hat. Obwohl er die meiste Zeit seines Lebens voller Gier und unausgewogenen Strebens war und noch in hohem Alter aus Unzufriedenheit und Egoismus wieder über Leichen ging.

Botschaft
Selbst hat dieser Mensch in seinem Leben keine Erlösung, oder anders gesagt Zufriedenheit oder innere Ruhe gefunden. Faust kann bis zu seinem Tod nicht „zum Augenblicke sagen:/ Verweile doch! du bist so schön!“ (1699f.), obwohl er am Ende unzählige Reichtümer und große Macht besessen hat. Diesen lebens- und sterbenswerten Augenblick gibt es für ihn in seinem ganzen Leben kein einziges Mal – er ist bestenfalls als eine Vision vorhanden, nicht als tatsächliche Glücksempfindung.
Ganz kurz vor dem Ende seines Lebens gibt es allerdings eine zaghafte Entwicklung hin zu konstruktiveren Absichten, weniger brutalen Mitteln und letztlich auch Reue über die Konsequenzen seines macht- und besitzgierigen Handelns. Das ist einerseits tragisch, weil die Erkenntnis, falsch gelebt zu haben, so spät erst in ihm reift. Andererseits wird diese Entwicklung eben dadurch honoriert, dass seine Seele am Schluss auf den Weg der Erlösung, gen Himmel und nicht in die Verdammnis der Hölle geschickt wird. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass es sich immer lohnt, seinen eigenen Lebenswandel zu überdenken.
Übrigens war ironischer Weise sein Pakt mit dem Teufel so formuliert, dass er durch die Hilfe des Teufels diesen Zustand des Glücks, der Zufriedenheit und inneren Ruhe, der mit dem Zitat von Vers 1699f. oben umrissen ist, hätte erlangen müssen, damit der Teufel seine Seele hätte besitzen dürfen. Das stellt sich am Ende als unauflöslich paradox heraus.

Was ist die Moral dieser Geschichte für uns Menschen heute? Die Antwort wird bei Fausts Erlösung am Schluss gegeben: „Wer immer strebend sich bemüht/ Den können wir erlösen“ (Vers 11936f.), heißt es da. Jeder kennt das Zitat.
Worum aber genau soll man strebend sich bemühen, um die Erlösung im Leben zu erlangen? Wie erreicht man diesen Zustand der Zufriedenheit und des Glücks, der Faust zeitlebens verwehrt geblieben ist? Die Antwort liegt für verschiedene Handlungsfelder in vielen Textstellen, von denen ich hier einige prägnante wiedergebe. Damit gibt Goethes Faust auch Menschen von heute noch eine gute Orientierung für die eigene Lebensführung.

Menschenbild (oder: das Problem)
Es beginnt mit einer grundsätzlichen und scharfen Kritik an den Menschen, die Goethe äußert. Er skizziert im Faust ein skeptisches und eher negatives Menschenbild, das er auch in hohem Alter bei Fertigstellung des Buches nicht revidiert hat. Da war er schon 80 Jahre alt und hätte altersmilde sein können. Das war er aber offenbar nicht: Der Mensch verhält sich trotz seines vernunftbegabten Wesens schlimmer als ein Tier und hält sich für einen Gott (vgl. 281ff.), legt Goethe Mephisto in den Mund und an anderer Stelle, dass der Mensch gern gottgleich wäre und doch hinter diesem hochmütigen Wunsch und dieser Eitelkeit zurückbleiben müsse (vgl. 8096f.). Auf der anderen Seite wurden „Die wenigen, die was davon erkannt/ […] von je gekreuzigt und verbrannt“ (590ff.). Die Menschen schlagen sich „durch flache Unbedeutenheit“ (1861). „Hören möchten wir am liebsten was wir gar nicht glauben können,/ Denn wir haben Langeweile diese Felsen anzusehen“ (9583f.), beschreibt in einem Satz die Empfänglichkeit der Menschen für die absichtsvoll auf sie gerichteten Massenmedien. Über die schleichende Konsequenz der Entmündigung haben Horkheimer und Adorno in ihrer Kritik der Aufklärung ebenfalls zeitlos aktuell geschrieben. „Und niemand hat Erwünschtes fest in Armen,/ Der sich nicht nach Erwünschterem törig sehnte“ (5373f.) sagt er über das Unersättliche in der menschlichen Natur, und der rastlose Optimismus, der aus dem Satz „Sicherlich es muss das Beste/ Irgendwo zu finden sein“ (5439f.), spricht, dürfte dem ein oder anderen bekannt vorkommen. Und wenn es über die eigenen Schwächen hinausgeht und die eigene Unbeherrschtheit und Schwäche zum Terror für andere wird, fällt dieser Satz: „Denn jeder, der sein innres Selbst/ Nicht zu regieren weiß, regierte gar zu gern/ Des Nachbars Willen, eignem stolzen Sinn gemäß …“ (7015ff.). „Man weiß, das Volk taugt aus dem Grunde nichts,/ Geschnürten Leibs, geschminkten Angesichts“ (7714f.) – insgesamt ein düsteres Bild von instinkthafter Schlichtheit, mangelnder Reflexion und Geistigkeit.

In einem ähnlichen Duktus zieht Goethe über die Politik und die Wirtschaft vom Leder. Wer sich das aneignet, was auf Erden das Höchste, kann es nicht ruhig besitzen (vgl. 9482ff.) ist eine Mahnung, die als an die Habgierigen und Herrschsüchtigen adressiert verstanden sein will. „Regieren und zugleich genießen“ (10251) gehe nicht. „Das wäre mir die rechte Höhe/ Da zu befehlen wo ich nichts verstehe“ (10311f.) ist auch kein aus der Luft gegriffener und zufällig geschriebener Satz. Heute noch fragt man sich im politischen Postenkarussel, welche Qualifikation der eine oder die andere mitbringen, um dieses oder jenes Ministerium zu führen.
„Doch fassen Geister, würdig tief zu schauen,/ Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen“ (6117f.) ist ein Satz, der, in verschiedene Zusammenhänge gestellt, Sinn ergibt: Bitcoin, Immobilienblase, Börsencrashs, um nur drei zu nennen. Genauso „Unmöglich ist’s, drum eben glaubenswert“ (6420). Und was „Krieg, Handel und Piraterie,/ Dreieinig sind sie, nicht zu trennen“ (11187f.) angeht, ist auch wenig Interpretationsspielraum vorhanden. Alles, was sich ums Besitzen, um das Streben nach Materiellem und nach Dominanz dreht, tritt Goethe mit klarer Ablehnung entgegen. Vielleicht auch deshalb heißt der letzte Satz des Werks „Das Ewig-Weibliche/ Zieht uns hinan“ (12110f.), also in Richtung der Erlösung. Hier ist das Weibliche bei Goethe, der allem Fleischlichen nicht abgeneigt war, nicht sexuell, sondern als moralisches Gegenmodell der Besonnenheit, des Ausgleichs und der inhaltlichen und liebenden Zugewandtheit zu Sachen, Tätigkeiten und Menschen zu verstehen, die in scharfem Kontrast zum kritisierten unbeherrscht-animalischen Leben steht.

Dieser kritische Ton beherrscht das gesamte Buch: Vom Menschenleben heißt es: „Ein jeder lebt‘s, nicht vielen ist’s bekannt“ (168). „Erquickung hast Du nicht gewonnen,/ Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt“ (568f.). „Das Gaukeln schafft kein festes Glück“ (Vers 10695), „So sind am härtsten wir gequält/ Im Reichtum fühlend was uns fehlt“ (11251f.), „Das Widerstehn, der Eigensinn/ Verkümmern herrlichsten Gewinn“ (11269f.), „Da wär’s die Mühe wert ein Mensch zu sein./ Das war ich sonst, eh ich’s im Düstern suchte,/ Mit Frevelwort mich und die Welt verfluchte./ Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll/ Dass niemand weiß wie er ihn meiden soll“ (11407ff.), „Ich bin nur durch die Welt gerannt./ […] Was nicht genügte ließ ich fahren,/ […] Ich habe nur begehrt und nur vollbracht,/ Und abermals gewünscht, und so mit Macht/ Mein Leben durchgestürmt“ (11432ff.), „die Menschen sind im ganzen Leben blind“ (11497), „Dass Ihr doch nie die rechten Maße kennt“ (11720).

Auflösung
Wo also eröffnet Goethe bei all dieser Erbärmlichkeit und Schlechtheit, die er so weidlich beschreibt, das Fenster zur Erlösung? Arbeit an sich selbst, ist die Antwort: „Das ist der Weisheit letzter Schluss:/ Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,/ Der täglich sie erobern muss“ (11574ff.) – Erobert werden muss hier nämlich täglich aufs Neue das eigentlich Menschliche, das aus Liebe besteht und auf die dauernde Selbstverwirklichung seiner egoistischen Wünsche verzichtet, durch die die anderen verheizt und zu eigenen Zwecken missbraucht werden. Es geht darum, das Tierische zu überwinden. Das verlangt dem Menschen immer aufs Neue Kraft ab.

Goethes Handbuch zur Eroberung von Freiheit und Leben ist deutlich kürzer als seine nicht endende Klage über die menschliche Niedrigkeit und Dummheit. Die Zitate, die positiven Lebens-Rat geben, sind die folgenden: „Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben“ (2062), „Denn es muss von Herzen gehen,/ Was auf Herzen wirken soll“ (9685f.), „Lass der Sonne Glanz verschwinden,/ Wenn es in der Seele tagt,/ Wir im eigenen Herzen finden/ Was die ganze Welt versagt,“ (9693f.), so rückt er die Bedeutung von innerer und äußerer Welt des Menschen ins rechte Verhältnis. „Denn klar sein ohne List, und ruhig ohne Trug!“ (10891), „Du selbst sei mäßig, lass nicht über Heiterkeiten,/ Durch der Gelegenheit Verlocken, dich verleiten.“ (10913f.), „Gesellig nur lässt sich Gefahr erproben:/ Wenn einer wirkt, die andern alle loben“ (7379f.), „Ein Quentchen Danks wird, hoch ihn zu vergnügen,/ Die Zentner Undanks völlig überwiegen“ (8130f.). „Nun schaut der Geist nicht vorwärts nicht zurück,/ Die Gegenwart allein – / Ist unser Glück“ (9381f.). Und dass das tägliche Schaffen in lebhafter Verbindung stehen muss zu innerer Leidenschaft und natürlicher Motivation, beschreibt der folgende Satz: „Was ewig schaffend uns umwallt./ Mein Innres mög es auch entzünden/ Wo sich der Geist, verworren kalt,/ Verquält in stumpfer Sinne Schranken/ Scharfangeschlossnem Kettenschmerz./ O Gott! beschwichtige die Gedanken/ Erleuchte mein bedürftig Herz“ (11883f.). Die Quintessenz dieser Sentenzen könnte eins zu eins aus einem Buch über Zen-Buddhismus stammen. Sie kommt nur in Goethes Sprache etwas erdiger, blumiger und fleischiger daher.

Es erscheint, liest man das Buch, dem am allermeisten nachgesagt wird, die deutsche Kultur literarisch abzubilden, merkwürdig, welche Richtung dieselbe nur 200 Jahre später eingeschlagen hat: Wie wichtig Besitz und Konsum den Deutschen sind, welch das Gefühl nicht ansprechende Musik durch die meistgehörten Radiosender ausgestrahlt wird, dass die Ingenieurskunst höher im Kurs der Gesellschaft steht als die Künste der Dichter und Denker oder das herzvoll Kümmernde in pflegenden Berufen. Auch welch große Rolle Karriere und Selbstbehauptung für viele spielen.

Wer weiß, vielleicht wird deshalb so viel von der Unverständlichkeit der Anspielungen an die griechische Mythologie im Faust II gesprochen, weil nicht gewollt wird, dass man ihn liest. Er ist für unser kapitalistisches Gesellschaftssystem, das so sehr auf Statusdenken, Besitz, Äußerlichkeiten, Werbung, herzlose Verführung und auf diese Dinge ausgerichtete Narrative aufbaut, ein gefährliches Buch. Aber es ist geschrieben und jeder kann sich jederzeit daraus etwas für sein eigenes Leben mitnehmen und sich um eine diesseitige Erlösung bemühen: ein bisschen näher bei sich selbst sein und dabei leichtfüßig, ein bisschen mehr für andere geben und dabei herzlich sein, mehr verzichten und mehr genießen und dabei Freude an den kleinen Dingen kultivieren, besonnen und gradlinig sein und statt des Denkens an den immer nächsten Termin das Jetzt empfinden und auskosten können und großzügig mit Lob und Dank umgehen und mehr das tun, wozu es einen wirklich drängt, was wirklich zu einem selbst passt.