Buchbesprechung: „12 Rules for Life, An Antidote to Chaos” von Jordan Peterson

Jordan B. Peterson, 12 Rules for Life, An Antidote to Chaos, Penguin, 2018, 370 Seiten

Jordan Petersons im Januar erschienenes Buch „12 Rules for Life“ ist weltweit mehrere hunderttausend Mal verkauft worden. Peterson selbst hat in den vergangenen zwei Jahren durch seine kontrovers diskutierte Teilnahme an einer kanadischen Debatte über die sprachliche Dimension geschlechtlicher Identität und die Veröffentlichung von Vorlesungen auf Youtube Bekanntheit erlangt. Er ist ein kanadischer Professor für Psychologie und ein klinischer Psychologe. Kritiker werfen ihm vor, in seinen bewusst auf Traditionen rekurrierenden, altmodischen Botschaften einer rechtsgerichteten Denkweise Vorschub zu leisten. Einer Denkweise, die die positiven Errungenschaften von Gleichberechtigung und individueller Freiheit abzuwerten trachte.

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Zähe Lektüre
Die große öffentliche Aufmerksamkeit, die Jordan Peterson zuteilwird, rechtfertigt es, einige Zeilen über das Buch zu schreiben. Zunächst sei gesagt, dass sich das Buch nicht einfach liest. Es ist relativ langatmig und voller ausführlicher Beispiele, die nicht alle einen strikten „Redundanz-Test“ überstehen würden. Mit 370 Seiten manchmal spürbar kanadischen Englisch etwas altmodischen Einschlags, das man aus den Vorlesungen von Jordan Peterson kennt und denen außerdem noch ein unnötig langes, 35-seitiges Vorwort vorangestellt wird, ist es technisch betrachtet ein zähes Stück Lektüre.

Weniger wäre mehr gewesen
In den Rezensionen, die man im Internet findet, ist immer wieder die Rede davon, dass das Buch neben einer Funktion als „Self-help“-Buch auch eine Art Einführung in die Philosophie oder sogar Mythologie böte. Das ist aber gerade nicht der Fall und sollte potenzielle Leser nicht auf eine falsche Fährte locken. Es ist besonders augenfällig, dass das Buch genau dort seine Stärken hat, wo es aus der Erfahrung seines Autors als klinischem Psychologen schöpft. Hier erfüllt es seinen Zweck als Selbsthilfe-Ratgeber. Gegen diesen erfrischend-interessanten Hintergrund des Einblicks in ein Arbeitsleben mit hauptsächlich vom Sein geschlagenen Menschen, wird aber auch und gerade die große (vor allem methodische) Schwäche der Versuche sichtbar, philosophisch oder religiös zu argumentieren. Hier ist das Buch inkonsistent, oft geradezu erratisch und beliebig und bleibt in einer keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen könnenden, privaten Weltanschauung verhaftet. Der Autor versucht künstlich, dieses mehr befremdliche als überzeugende Beiwerk zu einer Art geistigem Substrat für die Erzählung einer Berufserfahrung zu machen, die viel stärker und überzeugender ohne diesen Rahmen dastehen könnte.

Holzschnittartig und weltanschaulich tendenziös
So ist das Logische nicht per se männlich und das Chaotische nicht per se weiblich, es stellt keinen Verstoß gegen die guten Sitten dar, vom Mann als dem schwachen Geschlecht zu sprechen, es ergibt sich nicht zwingend aus der Biologie, dass die Frau die Kinder erziehen muss und die Funktion des Mannes als Beschützer der Frau zu sehen sei. Man mag als Mensch solche Ansichten teilen oder ihnen widersprechen. In einem Text, der den Anspruch erhebt, einem breiten Publikum eine Hilfestellung zum besseren Umgang mit der Welt und dem Leben geben zu wollen, verbietet sich jedoch apodiktisches Schwafeln. Das tut Peterson aber und versäumt es, auf Folgendes hinzuweisen: In alten Kulturen mag das Logische als männlich geprägt worden sein, etwa weil Männer die Bildung bekamen, Texte schreiben zu können und dann in der Umsetzung von ihrer Kompetenz-Kompetenz nicht ohne Eitelkeit Gebrauch gemacht haben. So, darf man annehmen, bilden sich nun einmal sozial kommunizierbare und verinnerlichbare Vorstellungen. Mehr steckt wahrscheinlich nicht dahinter und deshalb ist es schwach, daraus ein ontologisches Argument stricken zu wollen, das ganz grundlegend beeinflussen will, wie wir Männer und Frauen in sozialen Situationen bewerten. Und sieht man sich die verhältnismäßig hohe Lebenserwartung der Frau an und wirft man im privaten Umfeld einen Blick auf Ehepaare über 70, erscheint die Qualifizierung des Mannes als dem „schwachen Geschlecht“ einfach begreifbar. Es entscheidet also schlicht die Wahl der Perspektive darüber, ob man sich über eine Zuschreibung ärgert oder lustig macht oder sie einleuchtend findet. Und wenn er schon biologisch argumentiert, warum wählt er dann nicht auch die Vögel als Beispiel aus, die sich in strikter Gleichberechtigung um ihren Nachwuchs sorgen oder nimmt sogar solche zum Exempel, bei denen die Hauptlast fürs Brüten beim männlichen Part liegt (s. „Brut bei anderen Vögeln“)? Stattdessen beschränkt sich Peterson auf gewachsene Stereotypen wie: Die Frau hat die Hauptlast der Kindeserziehung zu tragen und deshalb wählt sie einen Mann aus, der ihr dabei den Rücken freihalten kann und um den sie sich nicht zusätzlich zum Nachwuchs auch noch kümmern müsse. Durchaus denkbare und sinnvolle andere Gründe, einen selbständigen, selbstbewussten, lebensfähigen Menschen als Partner zu selektieren lässt er vollkommen außen vor. Diese wären auch weder biologisch begründbar noch ausschließlich in eine Richtung, sondern für beide Geschlechter gleichermaßen gültig. Man denke nur an die Wünschbarkeit einer nicht allzu dumpfen Konversation in potenziell vielen Ehejahren oder an gemeinsame sportliche Interessen. Peterson bleibt hier zu holzschnittartig, vielleicht auch gerade, weil er mit seiner Erfahrung als klinischer Psychologe viel vom unteren Spektrum der praktischen menschlichen Glücksmöglichkeiten kennengelernt hat. Auf diesem sehr basalen Niveau des Beispiels der weiblichen Selektion zwischen einem potenziellen Ernährer und einem Taugenichts, und in der Einseitigkeit, wie er die darauf gerichtete Selektion ausschließlich bei der Frau verortet, vermag der Erklärungsversuch für Menschen, die nicht gänzlich am unteren Spektrum der Lebensfähigkeit herumkrebsen, keine Botschaft zu vermitteln. Die viel interessantere Denkpiste unterschiedlicher Gewalterfahrungen von Männern und Frauen (Ablehnung durch Frauen als primäre Gewalterfahrung vom Mann, körperliche Gewalt durch Männer als primäre Gewalterfahrung der Frau) schneidet er zwar an, verfolgt sie aber nicht auf eine tieferen Erkenntnisgewinn bringende Weise.

Philosophisch lückenhaft und religiös unsensibel
Genauso wenig hilfreich wie die im schlechten Sinne konservativen stereotypen Gemeinplätze sind Petersons Gedanken über das menschliche Glück, die Happiness, der er mal kritisch und abwertend gegenübertritt und die er dann an anderer Stelle wieder als erstrebenswert bezeichnet. Hier fehlt ein sauberes Konzept dessen, was Happiness bedeutet. Stattdessen lässt sich erahnen, dass an der einen Stelle die Verwendung des Begriffs etwas Oberflächliches bezeichnen muss, an der anderen Stelle etwas Erfüllendes, Wertiges. In der Philosophie gibt es ein langes Ringen um den möglichen Inhalt von Glück im menschlichen Leben. Hier wären Aristoteles und auch Hume hervorzuheben. Diese Autoren liefern Konzepte zum besseren Verständnis des Begriffs und seiner Befüllung. Dieser Tradition bedient sich Peterson nur kursorisch und stiefmütterlich, verwendet den Happiness-Begriff im weiteren Verlauf dann wieder vollkommen unkritisch und verzettelt sich so naturgemäß begrifflich.
Auch mag es in Ordnung sein, über eigenes religiöses Empfinden zu schreiben und doch lässt er dabei eine Selbstverständlichkeit walten, die versäumt, darauf hinzuweisen, dass ein Gottesbild nicht ohne Weiteres verallgemeinerbar und damit in erster Instanz etwas Privates und sehr Persönliches ist und also wirkt der geringe Grad der Abstraktion auf diesem Gebiet beinahe übergriffig, wenn Peterson über Gott schreibt und was Gott und das Göttliche für ihn bedeuten. Etwas mehr Feinfühligkeit und Zugänglichkeit für Menschen mit einem distanzierteren Blick auf Religion wären hier ganz angebracht gewesen.

Schuster bleib‘ bei Deinen Leisten
Unsaubere Verallgemeinerungen, die als Stütze für Petersons Weltsicht dienen sollen, durchziehen das ganze Buch. Zum Beispiel ist der Vergleich des durchschnittlichen Wohlstandes verschiedener amerikanischer Ureinwohnerstämme eine solche unsaubere Verallgemeinerung. Sie soll offenbar dazu dienen, ein Argument gegen staatlich organisierte Umverteilung zu machen. Peterson will damit auch die diskriminierende Qualität von Wohlstandsunterschieden zwischen verschiedenen Gruppen infrage stellen. Der Verweis ist aber in seiner Kürze schlicht manipulativ und wirft die Frage auf, ob die Kenntnis von mehr Details den Vergleich nicht hinken lassen würde (S. 315). Oder wenn Peterson suggeriert, die Erfindung der Anti-Baby-Pille durch einen Mann sei ein Akt der Männer zur Befreiung der Frau gewesen, dann kann das eine fragwürdige bis groteske Wirkung bei einem (im philosophisch, sexuellen und medizinischen Sinne) aufgeklärten Leser oder einer aufgeklärten Leserin entfalten (Man darf dabei an die hormonelle Belastung des Körpers durch das Medikament denken oder an die Vorteile, die auch Männern aus dieser Möglichkeit erwachsen sind oder etwa auch an die immer wieder einmal in der Presse aufblitzende und vermutlich nicht gänzlich unabsichtlich von Männern unterschlagene Möglichkeit, diese Art der hormonellen Verhütung dem Mann angedeihen zu lassen, um nur drei spontane Gedanken zu nennen, die an der wohltätigen Intention der übrigens ohnehin vorwiegend männlichen Erfinderwelt zu zweifeln erlaubt erscheinen lassen; s. S. 305). So lassen sich konstant einseitige Argumentationsschnipsel finden, die immer ein bisschen zu klar und ein bisschen zu einfach illustrieren, was dem Autor gerade in den Kram passt. Von der Aufgabe der klassischen Rollenverteilung im Haushalt (S. 271) bis hin zum sozialen Mechanismus der Identifikation mit einer Gruppe zum Zwecke der Landesverteidigung (s. 264). Man könnte das alles so sehen und man könnte auch nicht und darum wäre es klug gewesen, wenn er sich beim Schreiben auf das beschränkt hätte, womit er sich aus eigener beruflicher Anschauung wirklich auskennt.

Die wenig reifen und unsauberen Argumentationsmuster beschädigen das Buch und man darf davon ausgehen, dass es nicht veröffentlich worden wäre, wenn die im Internet entstandene Popularität des Autors nicht gute Verkaufszahlen und einen schönen monetären Gewinn für den Verlag versprochen hätte.

Ehrliche und erdige Ratschläge aus der beruflichen Praxis
Doch kann man als Leser auch etwas mitnehmen aus der Lektüre. Nämlich das geerdete Weltbild eines Mannes, der jahrzehntelang als praktizierender Psychologe viel Leid gesehen und unzähligen vom Leben geschlagenen und beschädigten Menschen zugehört hat. Darum sieht er das Leben auf erfrischende Weise von unten und denkt es von seinen Härten und Schwierigkeiten ausgehend. Diese Perspektive lässt ihn die Wichtigkeit der ganz kleinen positiven Veränderungen im Leben verstehen. Und so weist er überzeugend auf den Erfolg und die Schönheit hin, die in diesen oft minimalen Schritten der Selbstbezwingung und Selbstverbesserung gefunden werden können. Mit diesem Ansatz ist zweifellos auch jedem vermeintlich gesunden Leser ein guter Rat gegeben. Prokrastination, Unordnung, Ehestreit, verzogene Kinder sind nur vier Alltagsprobleme, die vermutlich den meisten Menschen im Laufe ihres Lebens begegnen und denen Peterson sich widmet. Für einen guten Umgang damit und einen Weg zu mehr Zufriedenheit in diesen Dingen gibt er Ratschläge aus seiner Praxis, die ehrlich und erdig sind und die man gerne und ohne den Zweifel ideologischer Färbung und auch ohne den Zweifel mangelnder Methodenkenntnis liest.

 

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Lokalpolitik: Mein erster Antrag im Ortsbeirat 1 der Stadt Frankfurt am Main

Ich habe an dieser Stelle schon früher über Umweltthemen geschrieben:

In dieser Woche nun habe ich den Eintritt in die institutionelle Politik gewagt und mit den Grünen im Ortsbeirat 1 der Stadt Frankfurt am Main einen Antrag eingebracht, der vom Magistrat der Stadt die Nachbestellung leiserer Kehrmaschinen fordert. Die Sitzung fand am Dienstagabend statt und der Antrag wurde, mit den Gegenstimmen der CDU, verabschiedet.

Lokalpolitik ist ein zeitraubendes Geschäft: Die Sitzung des Ortsbeirats mit seinen 19 Mitgliedern begann um 19 Uhr und endete erst um halb zwölf Uhr nachts. 40 Anträge standen auf der Tagesordnung. Mit dem offiziellen Teil ist die Politik aber nicht getan. Beim anschließenden Wirtshausbesuch, der bis halb zwei Uhr nachts andauerte, wurde die wichtige politische Dimension des Gemütlichen und Zwischenmenschlichen fraktionsübergreifend gepflegt. Ein sehr sympathischer Aspekt der Lokalpolitik, wie ich erfahren durfte. Gleichermaßen war er aber inmitten einer Arbeitswoche auch konditionell fordernd.

Der Antrag

Der Antrag selbst nimmt im Grunde eine Regelungslücke im europäischen und nationalen Recht aufs Korn: Es gibt keine Obergrenzen für die Schallemission von Kehrmaschinen und Müllautos (im administrativen Jargon „Müllsammelfahrzeuge“) in der einschlägigen EU-Richtlinien und Bundes-Verordnung. Die Hersteller haben freie Hand in der Konzeption und Konstruktion der Maschinen und die Stadtbewohner müssen so Geräuschpegel vor ihren Fenstern ertragen, die im Bereich von Hubschrauberlärm, Kettensägenkreischen und Trompetenmusik liegen (s. Tabelle im Antrag).

Für die Kehrmaschinen gibt es nur eine Auszeichnungspflicht. Sie müssen ein Schild tragen (s. Abbildung im Antrag), das über ihren Schallemissionswert Auskunft gibt. Doch nicht einmal dieser praktisch nur wenig bewirkenden Pflicht kommt die Stadt Frankfurt nach.

Ziel des Antrags (der im Namen der beiden Fraktionsmitglieder der Grünen im Ortsbeirat, Andreas Laeuen und Anna Warnke, eingereicht wurde) ist es, das Bewusstsein für Lärm als innerstädtisches Problem, als Gefahrenquelle für die Gesundheit und die Lebensqualität der Stadtbürger zu schärfen (Kardiologen warnen immer wieder in den Medien vor den Belastungen, die Lärm auf das kardiovaskuläre System ausübt, die Relevanz dieser Hinweise wird greifbar, wenn man die Liste der häufigsten Todesursachen des Statistischen Bundesamtes betrachtet: Statistisches Bundesamt: Tabelle der häufigsten Todesursachen in Deutschland 2014; Statistisches Bundesamt: Tabelle der todesursächlichen Herzkreislauferkrankungen, Apotheken Umschau: Lärm, Die Welt: Lärm ist Körperverletzung, Der Spiegel: Lärm macht krank, Umweltbundesamt: Lärm verursacht Stress und Herzkreislauferkrankungen).
Gleichzeitig soll die Position der Kommune als Kunde und Käufer der besagten Maschinen genutzt werden, im Sinne der Bevölkerung eine lenkende Wirkung auf die Hersteller auszuüben.

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Am gleichen Tag meldete der NDR, dass die Stadt Hamburg bereits die ersten vollelektrischen Müllautos in der Praxis testet. Sie ist der Stadt Frankfurt damit weit voraus und lässt den nun eingebrachten Antrag im Ortsbeirat sogar ein wenig alt aussehen. Die neuen Fahrzeuge sind unter anderem deutlich leiser als die alten, mit fossilen Brennstoffen angetriebenen. Und sie blasen keine Abgase in die ohnehin schon belastete Stadtluft.

Abstimmungsergebnis

Der Antrag wurde von allen Fraktionen bis auf die der CDU angenommen (Abstimmungsergebnis: Zustimmung: 4x SPD, 1x Linkspartei, 2x FDP, 1x Die Partei, 2x UB, 1x OkölinX-ARL, 1x BFF, 2x Grüne, Ablehnung: nach anfänglicher Uneinigkeit ob 3 oder 4 Gegenstimmen CDU mit 4 Gegenstimmen).

Randbemerkung zur politischen Kultur:

Eine Randbemerkung zum Abstimmungsverhalten der CDU möchte ich hier mitgeben, auch, wenn es immer eine Herausforderung ist, nicht ungerecht zu sein in der Kritik, die man an einer anderen politischen Partei äußert. Der Fraktionsvorsitzende der CDU, Michael Weber, hat zu Beginn der Debatte das Wort gegen den Antrag erhoben: Die Stadt würde sich schon an Regeln halten und einfach mal neue Maschinen zu kaufen, sei zu teuer. Obwohl der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Andreas Laeuen, die Bedeutung des Wortes „Nachbestellung“ im Sinne einer Ersatzbestellung für ausgedientes Material erklärte und der Vorsitzende der Ortsbeirats, Oliver Strank (SPD) darauf hinwies, dass eine der Funktionen des Ortsbeirats gerade darin bestehe, der Stadt gegenüber auch eine Kontrollfunktion auszuüben, blieb die CDU bei ihrer Antihaltung, für eine saubere Stadt müssten die Bürger eben „ein bisschen Lärm“ ertragen. Beim Abstimmen schwankte die CDU-Fraktion dann doch zwischen drei Nein-Stimmen und einer Enthaltung und den vier Nein-Stimmen, die sie letztlich – man kann vermuten aus einem gewissen Gruppenzwang heraus – abgegeben hat. Ein ähnliches Verhalten hat auch die CSU-Fraktion an den Tag gelegt, als meine Petition für die Abschaffung der materiellen Privilegien der ehemaligen bayerischen Königsfamilie in der Sitzung des Petitionsausschusses des Bayerischen Landtags am 29. September 2016 verhandelt werden sollte. Eine inhaltlich ausführlich begründete Sache, die der Allgemeinheit dienen soll, wurde in beiden Fällen eher abgewiegelt als offen mit nachvollziehbaren Argumenten diskutiert. Ich habe das in beiden Fällen als wenig konstruktiv und als eine dem demokratischen Meinungsbildungsprozess eher schadende Haltung empfunden. In beiden Fällen schien die Beschäftigung mit dem Antrag eher oberflächlich, zeigte die Fraktion kein Interesse an einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem aufgebrachten Thema, war eine reflexhaft abwehrende Haltung zu erkennen und führte eine wenig engagierte Arbeit (oberflächliches Lesen, abwiegelnde Stellungnahmen) in den Wortbeiträgen und Diskussionen zur falschen Wiedergabe des Antragszwecks oder zu einer Schwerpunktsetzung in der Debatte, die nicht im Kern des Anliegens stand, bzw. absichtlich oder unabsichtlich an ihm vorbeischoss. In der Position politischer Stärke liegt auch eine Gefahr für die Demokratie, weil sie so etwas wie die „Arroganz der Macht“ mit sich bringen kann. Dieses (falsche) Überlegenheitsgefühl lässt dabei die Qualität der inhaltlichen Auseinandersetzung, die in gegenseitigem Respekt stattfinden sollte, leiden. Nicht umsonst beklagt der Kabarettist Gerhard Polt, der (in seinem Fall) die bayerische Politik seit Jahrzehnten eng begleitet, er habe im CSU-dominierten Bayern nie eine echte Demokratie erlebt (bei 8‘45‘‘ ff.).

Audio-Mitschnitt (4’03“) der Verhandlung des hier beschriebenen Tagesordnungspunktes 34 „Nachbestellung von leiseren Kehrmaschinen“.

 

Theaterkritik: „Out of Order“ von der Gruppe „Forced Entertainment“ aus Sheffield im Bockenheimer Depot, Frankfurt am Main

Wer angesichts von Kriegen, Flüchtlingswellen, Fake News und Geheimsdienstanschlägen die Welt nochmal erklärt bekommen möchte, der geht dieser Tage in Frankfurt am besten ins Bockenheimer Depot zu „Out of Order“. Anderthalb Stunden Theater legen uns dort die Geschichte der Welt anhand einer pantomimischen Anthropologie zu Füßen. Keiner einzigen gesprochenen Silbe bedarf es für diese fesselnden und wohltuenden 90 Minuten.

Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler in gleichkarierten Anzügen durchlaufen die Zyklen des menschlichen Dramas: Gemeinsamkeit, Reizbarkeit, Hass, Verfolgung, Sorge, Hilfe, Zwang und scheinbare Beruhigung, dann wieder Reizbarkeit und Gereiztheit, die hochgradig unnachvollziehbar ist und wieder ausbricht in Hass, Aggression, Verfolgung, Zerstörung, Angst, Flucht, dem Bemühen, das alles zu besänftigen, was wiederum scheinbar ohne Grund passiert, nur, um im nächsten Moment wieder und stärker und schneller und doch immer gleich zu explodieren, zu eskalieren. Immer wieder, im Theater aufs unterhaltsamste und heimeligste untermalt mit Patti Austins rhythmischem Lied „Someone’s gonna cry“ („and it’s gonna be me“, heißt es im Text später, und nicht umsonst). Kein Wort wird gesprochen aber das Gespielte ist so aufs Wesentliche verdichtet, dass die Trumps, Kims, Erdogans und Mustermanns dieser Welt auf der Bühne zu tanzen scheinen und man sich denken darf: Danke, dass Ihr die traurige Gemeinheit der Menschen so wortkarg entlarvt.

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Der Theatergenuss ist so rund wie das Stück unkonventionell ist. Die Musik, die in der zweiten Hälfte von der oben erwähnten expliziten Songtextschleife zu Johann Strauss‘ Walzer von der schönen blauen Donau wechselt, ist Wohlfühlmusik mit einer unmissverständlichen Botschaft von erwartbarer Tragik und leicht und ewig plätschernder Ignoranz. Herz und Kopf sind damit bestens versorgt. Die Sprechfreiheit ist wohltuend, weil sie einem „den Unsinn erspart“, wie es mal im Werbejingle eines eher seriösen niederländischen Radiosenders formuliert wurde, oder, um es positiv zu fassen „Alles von Relevanz“ übrig lässt, wie die Selbstdarstellung des Deutschlandfunk es sagt. Das Gewicht der Szenen wird nicht zersplittert und aufgelöst von einem – wenn man Pech hat – zeitungeistig-gewollten Theatersprech, der so gekünstelt wirken kann, dass er mehr ablenkt als informiert.

Vom ewigen Kreislauf aus Reizbarkeit, Aggression, Angst und Verfolgung geht es irgendwann, vermutlich aus Langeweile, über in ein Muster gleichförmig-trottender Gefolgschaft, Eintönigkeit, Inspirations- und Individualitätslosigkeit. Herdentrieb und Mitläufertum führen zum pointiert gezeigten Verzicht darauf, selbst im Angesicht des Leides des Anderen, Verantwortung zu übernehmen und zugunsten des auf der Strecke Gebliebenen aus dem Immergleichen auszuscheren, dem alle folgen. Auch hier sagt das stumme Theaterstück mit Wucht so viel über unsere Wohlstandsgesellschaft im Angesicht des von ihr verursachten Wohlstandsgefälles, im Angesicht der Flüchtlinge, die durch unser Immerweiterso eigener Lebenschancen beraubt sind und die wegen unserer Bequemlichkeit und Angst auf keine Veränderung und keine gerechte Verteilung des Weltkuchens zu hoffen haben.

Sattes, leeres Spiel folgt dieser menschlichen Tragödie. Die wie Fleischberge Dalümmelnden blasen Luft in bunte Ballons und lassen sie im lustigen Spiel Pirouetten drehen nach allen Richtungen. Im Saal entlädt sich beim ein oder anderen der Frust des Arbeitstags (oder wahlweise das aufgestaute Bedürfnis nach ein bisschen Freude und Leichtigkeit) in hellem Lachen. Ein Bild der Dekadenz, dem nur wieder Eines folgen kann: Irritation, Streit, Kampf, Krieg.

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Diesmal mit anderen Mitteln, etwas „weiter“, etwas „höher“ entwickelt, etwas subtiler vielleicht, entsteht mittels Tröten aus der ludischen Phase von Muße und Spiel die Irritation. Der Übergang vom Spielerischen zur gezielten Bösartigkeit ist kaum wahrnehmbar, es ist ein ganz, ganz kleiner Schritt. Doch der genügt, um wieder da zu landen, wo alles begann: in atemloser Aggression, in Verfolgung, in panischer Angst.

All das ist so prägnant und entlarvt damit das große Kino mit seinen obszönen Gewaltdarstellungen als überflüssig. „12 Years a Slave“ oder „No Country for Old Men“ sind vor lauter Peitsch- und Folterorgien sowie blanker Mordlust viel weniger komfortabel anzusehen als dieses einfache Bühnenstück und bleiben doch schwächer in ihrer Aussage über das menschliche Sein.

„Out of Order“ der Gruppe „Forced Entertainment“ unter der Regie von Tim Etchells, seit dem 27. April 2018 im Bockenheimer Depot, nächste Vorstellungen am 3., 4. Und 5. Mai, sowie am 15., 16., 17. und 18. Mai, jeweils um 20 Uhr.

Die Kritiken aus F.A.Z. und taz hier zum Nachlesen.

Buchbesprechung: Goethes Faust – Ein gefährliches Buch

Johann Wolfgang Goethe – „Faust, Der Tragödie erster und zweiter Teil“, Reclam, 1996 und 2001, insgesamt 354 Seiten

Goethes Faust ist mit das aggressivste und meinungsstärkste Buch über Menschen, Menschentypen, Verhaltensweisen, die Gesellschaft, das Leben und immergültige Wahrheiten, das ich je gelesen habe. Der ganze Griechenpomp, der viele vom Lesen des Faust II abschreckt, kann ohne wesentlichen Bedeutungsverlust getrost verstanden werden als Kulisse und Unterhaltungsuntermalung, damit es „was zu gucken“ gibt und man als Leser neugierig bleibt. In dieser Kulisse tauchen die Sätze, um die es geht, wie Sternschnuppen auf. Sie haben die zeitlose Prägnanz, die den Faust zum meistzitierten deutschen Buch überhaupt gemacht hat.

Insgesamt ist das ganze Buch eine wilde Reise auf die Goethe uns mitnimmt. Entlang des Weges macht er deutlich, wo im menschlichen Leben das Glück gefunden werden kann. Und dass es oft woanders gesucht wird.

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Handlung
Geografisch geht die Fahrt von einem gotischen Studierzimmer aus über eine Hexenküche auf den Brocken, macht einen kurzen Abstecher in die Unterwelt und im nächsten Schritt fliegend weiter nach Griechenland, ins Meer, zu Felsenhöhlen, auf Schlachtfelder, in die Nähe Spartas auf eine Burg. Alles auf knapp 360 Seiten im Reclam-Format.

Philosophisch ist es ein Ritt durch die menschlichen Schwächen: durch angestaute sexuelle Lust, Schwindelei und moralische Verfehlung, Mord und Totschlag, Egoismen, falsche Handlungsmotive, Täuschung und Habgier. Trotzdem kommt Fausts Seele am Ende in den Himmel. Der rastlose Wissenschaftler wird vom Drang der Selbstvergöttlichung, vom pausenlosen Streben nach mehr und Höherem erlöst. Er wird erlöst, obwohl er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, für den Tod des Mädchens Gretchen und des gemeinsamen Kindes verantwortlich ist, ihren Bruder erstochen und indirekt auch die Mutter auf dem Gewissen hat. Obwohl er die meiste Zeit seines Lebens voller Gier und unausgewogenen Strebens war und noch in hohem Alter aus Unzufriedenheit und Egoismus wieder über Leichen ging.

Botschaft
Selbst hat dieser Mensch in seinem Leben keine Erlösung, oder anders gesagt Zufriedenheit oder innere Ruhe gefunden. Faust kann bis zu seinem Tod nicht „zum Augenblicke sagen:/ Verweile doch! du bist so schön!“ (1699f.), obwohl er am Ende unzählige Reichtümer und große Macht besessen hat. Diesen lebens- und sterbenswerten Augenblick gibt es für ihn in seinem ganzen Leben kein einziges Mal – er ist bestenfalls als eine Vision vorhanden, nicht als tatsächliche Glücksempfindung.
Ganz kurz vor dem Ende seines Lebens gibt es allerdings eine zaghafte Entwicklung hin zu konstruktiveren Absichten, weniger brutalen Mitteln und letztlich auch Reue über die Konsequenzen seines macht- und besitzgierigen Handelns. Das ist einerseits tragisch, weil die Erkenntnis, falsch gelebt zu haben, so spät erst in ihm reift. Andererseits wird diese Entwicklung eben dadurch honoriert, dass seine Seele am Schluss auf den Weg der Erlösung, gen Himmel und nicht in die Verdammnis der Hölle geschickt wird. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass es sich immer lohnt, seinen eigenen Lebenswandel zu überdenken.
Übrigens war ironischer Weise sein Pakt mit dem Teufel so formuliert, dass er durch die Hilfe des Teufels diesen Zustand des Glücks, der Zufriedenheit und inneren Ruhe, der mit dem Zitat von Vers 1699f. oben umrissen ist, hätte erlangen müssen, damit der Teufel seine Seele hätte besitzen dürfen. Das stellt sich am Ende als unauflöslich paradox heraus.

Was ist die Moral dieser Geschichte für uns Menschen heute? Die Antwort wird bei Fausts Erlösung am Schluss gegeben: „Wer immer strebend sich bemüht/ Den können wir erlösen“ (Vers 11936f.), heißt es da. Jeder kennt das Zitat.
Worum aber genau soll man strebend sich bemühen, um die Erlösung im Leben zu erlangen? Wie erreicht man diesen Zustand der Zufriedenheit und des Glücks, der Faust zeitlebens verwehrt geblieben ist? Die Antwort liegt für verschiedene Handlungsfelder in vielen Textstellen, von denen ich hier einige prägnante wiedergebe. Damit gibt Goethes Faust auch Menschen von heute noch eine gute Orientierung für die eigene Lebensführung.

Menschenbild (oder: das Problem)
Es beginnt mit einer grundsätzlichen und scharfen Kritik an den Menschen, die Goethe äußert. Er skizziert im Faust ein skeptisches und eher negatives Menschenbild, das er auch in hohem Alter bei Fertigstellung des Buches nicht revidiert hat. Da war er schon 80 Jahre alt und hätte altersmilde sein können. Das war er aber offenbar nicht: Der Mensch verhält sich trotz seines vernunftbegabten Wesens schlimmer als ein Tier und hält sich für einen Gott (vgl. 281ff.), legt Goethe Mephisto in den Mund und an anderer Stelle, dass der Mensch gern gottgleich wäre und doch hinter diesem hochmütigen Wunsch und dieser Eitelkeit zurückbleiben müsse (vgl. 8096f.). Auf der anderen Seite wurden „Die wenigen, die was davon erkannt/ […] von je gekreuzigt und verbrannt“ (590ff.). Die Menschen schlagen sich „durch flache Unbedeutenheit“ (1861). „Hören möchten wir am liebsten was wir gar nicht glauben können,/ Denn wir haben Langeweile diese Felsen anzusehen“ (9583f.), beschreibt in einem Satz die Empfänglichkeit der Menschen für die absichtsvoll auf sie gerichteten Massenmedien. Über die schleichende Konsequenz der Entmündigung haben Horkheimer und Adorno in ihrer Kritik der Aufklärung ebenfalls zeitlos aktuell geschrieben. „Und niemand hat Erwünschtes fest in Armen,/ Der sich nicht nach Erwünschterem törig sehnte“ (5373f.) sagt er über das Unersättliche in der menschlichen Natur, und der rastlose Optimismus, der aus dem Satz „Sicherlich es muss das Beste/ Irgendwo zu finden sein“ (5439f.), spricht, dürfte dem ein oder anderen bekannt vorkommen. Und wenn es über die eigenen Schwächen hinausgeht und die eigene Unbeherrschtheit und Schwäche zum Terror für andere wird, fällt dieser Satz: „Denn jeder, der sein innres Selbst/ Nicht zu regieren weiß, regierte gar zu gern/ Des Nachbars Willen, eignem stolzen Sinn gemäß …“ (7015ff.). „Man weiß, das Volk taugt aus dem Grunde nichts,/ Geschnürten Leibs, geschminkten Angesichts“ (7714f.) – insgesamt ein düsteres Bild von instinkthafter Schlichtheit, mangelnder Reflexion und Geistigkeit.

In einem ähnlichen Duktus zieht Goethe über die Politik und die Wirtschaft vom Leder. Wer sich das aneignet, was auf Erden das Höchste, kann es nicht ruhig besitzen (vgl. 9482ff.) ist eine Mahnung, die als an die Habgierigen und Herrschsüchtigen adressiert verstanden sein will. „Regieren und zugleich genießen“ (10251) gehe nicht. „Das wäre mir die rechte Höhe/ Da zu befehlen wo ich nichts verstehe“ (10311f.) ist auch kein aus der Luft gegriffener und zufällig geschriebener Satz. Heute noch fragt man sich im politischen Postenkarussel, welche Qualifikation der eine oder die andere mitbringen, um dieses oder jenes Ministerium zu führen.
„Doch fassen Geister, würdig tief zu schauen,/ Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen“ (6117f.) ist ein Satz, der, in verschiedene Zusammenhänge gestellt, Sinn ergibt: Bitcoin, Immobilienblase, Börsencrashs, um nur drei zu nennen. Genauso „Unmöglich ist’s, drum eben glaubenswert“ (6420). Und was „Krieg, Handel und Piraterie,/ Dreieinig sind sie, nicht zu trennen“ (11187f.) angeht, ist auch wenig Interpretationsspielraum vorhanden. Alles, was sich ums Besitzen, um das Streben nach Materiellem und nach Dominanz dreht, tritt Goethe mit klarer Ablehnung entgegen. Vielleicht auch deshalb heißt der letzte Satz des Werks „Das Ewig-Weibliche/ Zieht uns hinan“ (12110f.), also in Richtung der Erlösung. Hier ist das Weibliche bei Goethe, der allem Fleischlichen nicht abgeneigt war, nicht sexuell, sondern als moralisches Gegenmodell der Besonnenheit, des Ausgleichs und der inhaltlichen und liebenden Zugewandtheit zu Sachen, Tätigkeiten und Menschen zu verstehen, die in scharfem Kontrast zum kritisierten unbeherrscht-animalischen Leben steht.

Dieser kritische Ton beherrscht das gesamte Buch: Vom Menschenleben heißt es: „Ein jeder lebt‘s, nicht vielen ist’s bekannt“ (168). „Erquickung hast Du nicht gewonnen,/ Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt“ (568f.). „Das Gaukeln schafft kein festes Glück“ (Vers 10695), „So sind am härtsten wir gequält/ Im Reichtum fühlend was uns fehlt“ (11251f.), „Das Widerstehn, der Eigensinn/ Verkümmern herrlichsten Gewinn“ (11269f.), „Da wär’s die Mühe wert ein Mensch zu sein./ Das war ich sonst, eh ich’s im Düstern suchte,/ Mit Frevelwort mich und die Welt verfluchte./ Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll/ Dass niemand weiß wie er ihn meiden soll“ (11407ff.), „Ich bin nur durch die Welt gerannt./ […] Was nicht genügte ließ ich fahren,/ […] Ich habe nur begehrt und nur vollbracht,/ Und abermals gewünscht, und so mit Macht/ Mein Leben durchgestürmt“ (11432ff.), „die Menschen sind im ganzen Leben blind“ (11497), „Dass Ihr doch nie die rechten Maße kennt“ (11720).

Auflösung
Wo also eröffnet Goethe bei all dieser Erbärmlichkeit und Schlechtheit, die er so weidlich beschreibt, das Fenster zur Erlösung? Arbeit an sich selbst, ist die Antwort: „Das ist der Weisheit letzter Schluss:/ Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,/ Der täglich sie erobern muss“ (11574ff.) – Erobert werden muss hier nämlich täglich aufs Neue das eigentlich Menschliche, das aus Liebe besteht und auf die dauernde Selbstverwirklichung seiner egoistischen Wünsche verzichtet, durch die die anderen verheizt und zu eigenen Zwecken missbraucht werden. Es geht darum, das Tierische zu überwinden. Das verlangt dem Menschen immer aufs Neue Kraft ab.

Goethes Handbuch zur Eroberung von Freiheit und Leben ist deutlich kürzer als seine nicht endende Klage über die menschliche Niedrigkeit und Dummheit. Die Zitate, die positiven Lebens-Rat geben, sind die folgenden: „Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben“ (2062), „Denn es muss von Herzen gehen,/ Was auf Herzen wirken soll“ (9685f.), „Lass der Sonne Glanz verschwinden,/ Wenn es in der Seele tagt,/ Wir im eigenen Herzen finden/ Was die ganze Welt versagt,“ (9693f.), so rückt er die Bedeutung von innerer und äußerer Welt des Menschen ins rechte Verhältnis. „Denn klar sein ohne List, und ruhig ohne Trug!“ (10891), „Du selbst sei mäßig, lass nicht über Heiterkeiten,/ Durch der Gelegenheit Verlocken, dich verleiten.“ (10913f.), „Gesellig nur lässt sich Gefahr erproben:/ Wenn einer wirkt, die andern alle loben“ (7379f.), „Ein Quentchen Danks wird, hoch ihn zu vergnügen,/ Die Zentner Undanks völlig überwiegen“ (8130f.). „Nun schaut der Geist nicht vorwärts nicht zurück,/ Die Gegenwart allein – / Ist unser Glück“ (9381f.). Und dass das tägliche Schaffen in lebhafter Verbindung stehen muss zu innerer Leidenschaft und natürlicher Motivation, beschreibt der folgende Satz: „Was ewig schaffend uns umwallt./ Mein Innres mög es auch entzünden/ Wo sich der Geist, verworren kalt,/ Verquält in stumpfer Sinne Schranken/ Scharfangeschlossnem Kettenschmerz./ O Gott! beschwichtige die Gedanken/ Erleuchte mein bedürftig Herz“ (11883f.). Die Quintessenz dieser Sentenzen könnte eins zu eins aus einem Buch über Zen-Buddhismus stammen. Sie kommt nur in Goethes Sprache etwas erdiger, blumiger und fleischiger daher.

Es erscheint, liest man das Buch, dem am allermeisten nachgesagt wird, die deutsche Kultur literarisch abzubilden, merkwürdig, welche Richtung dieselbe nur 200 Jahre später eingeschlagen hat: Wie wichtig Besitz und Konsum den Deutschen sind, welch das Gefühl nicht ansprechende Musik durch die meistgehörten Radiosender ausgestrahlt wird, dass die Ingenieurskunst höher im Kurs der Gesellschaft steht als die Künste der Dichter und Denker oder das herzvoll Kümmernde in pflegenden Berufen. Auch welch große Rolle Karriere und Selbstbehauptung für viele spielen.

Wer weiß, vielleicht wird deshalb so viel von der Unverständlichkeit der Anspielungen an die griechische Mythologie im Faust II gesprochen, weil nicht gewollt wird, dass man ihn liest. Er ist für unser kapitalistisches Gesellschaftssystem, das so sehr auf Statusdenken, Besitz, Äußerlichkeiten, Werbung, herzlose Verführung und auf diese Dinge ausgerichtete Narrative aufbaut, ein gefährliches Buch. Aber es ist geschrieben und jeder kann sich jederzeit daraus etwas für sein eigenes Leben mitnehmen und sich um eine diesseitige Erlösung bemühen: ein bisschen näher bei sich selbst sein und dabei leichtfüßig, ein bisschen mehr für andere geben und dabei herzlich sein, mehr verzichten und mehr genießen und dabei Freude an den kleinen Dingen kultivieren, besonnen und gradlinig sein und statt des Denkens an den immer nächsten Termin das Jetzt empfinden und auskosten können und großzügig mit Lob und Dank umgehen und mehr das tun, wozu es einen wirklich drängt, was wirklich zu einem selbst passt.

Buchbesprechung – Hans-Joachim Maaz: „Das falsche Leben – Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft“, C. H. Beck, 2017, 256 Seiten

Heute stelle ich ein Buch vor, das auf erfrischende Weise unsere Gesellschaft kritisiert, von der wir glauben gelernt zu haben, sie sei gut.

Aufbauend auf seiner mehrere Jahrzehnte langen Berufserfahrung als Psychoanalytiker und Psychiater beschreibt der Autor Hans-Joachim Maaz, warum die meisten Menschen ein unerfülltes und überangepasstes Dasein fristen. Kernbegriff des Buches ist das Wort „Normopathie“, die im Kollektiv nicht mehr als krankhaft zu erkennende Anpassung an eine falsche Lebensweise, die nur eine Reaktion ist auf ein Set immergleicher, sich immer wiederholender frühkindlicher psychischer Verletzungen Vieler.

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Da es nur eine überschaubare Anzahl dieser frühkindlichen psychischen Grund-Pathologien gibt (Maaz beschreibt sieben Stück, s. u.), kommt es dazu, dass sich Leute mit den gleichen Entwicklungsschäden und Problemen in gesellschaftlich verhaltensähnliche Peer-Groups hineinentwickeln. Jeder Einzelne kompensiert und überkompensiert den erlittenen frühkindlichen Schaden und auch diese Kompensationsmechanismen sind immer gleich oder sehr ähnlich:

  1. Der von den Eltern nicht wirklich Gewollte entwickelt Geltungssucht und Aggression,
  2. der dauernd Bevormundete eine Anti-Haltung,
  3. der Ungeliebte will es allen beweisen und wird ebenfalls geltungssüchtig,
  4. der, der immer den Erwartungen seiner Eltern entsprechen musste wird zum Mitläufer und Mittäter, der im besten Fall abhängig wird von der sinnlosen Ablenkung der Medien,
  5. der vom Vater Gegängelte und als Konkurrent für die Zuwendung der Mutter Empfundene, wird in seiner Selbstentwicklung gehemmt und zum Untertanen par excellence,
  6. der unter dem Desinteresse seiner Eltern Aufgewachsene, der nie die richtigen Anregungen und Förderungen bekommen hat wird faul, feige und bequem und empfänglich für jede Art der Verführung,
  7. der von den Eltern zur Leistung Gedrillte findet keinen Zugang zu entspanntem Selbstsansehen und bleibt sein Lebtag abhängig von äußeren Erfolgen und Bestätigungen.

Menschen mit ähnlichen Problemen und daraus entstandenen „falschen“ Bedürfnissen (falsch, weil der erlittene psychische Entwicklungsschaden sie abgekoppelt hat von ihren eigentlichen menschlichen Möglichkeiten, Talenten und ihrer grundsätzlichen Individualität) finden im Verhalten anderer Menschen mit vergleichbaren Bewältigungsmustern für die jeweilige psychische Problemlage gesellschaftliche Bestätigung.

Beispielsweise sehen

  • diejenigen, die viel arbeiten, um ihre Leistungsbereitschaft und ihren Erfolg zu zeigen, andere, die das auch tun und es findet eine gegenseitige Bestärkung statt, innerhalb derer geglaubt wird, das sei normal und Erfolg im menschlichen Leben hänge davon ab.
  • Die, die sich anderen Menschen gegenüber wegen jeder Geringfügigkeit aggressiv und abweisend verhalten, finden – heute in Zeiten des anonymen Internets mit seinen Trollen mehr denn je zuvor – andere, die ebenfalls kein gutes Haar an anderen Menschen lassen und applaudieren sich gegenseitig in die Gewissheit der Normalität ihres Verhaltens hinein.
  • Die, die ohne Initiative sind und sich vom Sozialstaat aushalten lassen, leben in Vierteln, in denen auch andere stolz darauf sind, sich von einem vermeintlich ungerechten Staat durchfüttern zu lassen und
  • die, die vier Stunden oder mehr am Tag fernsehen, tauschen sich mit anderen über die gesehenen Inhalte aus und leben so in dem Glauben, dass es normal sei, ein menschliches Leben mit dem Konsum von absichtsvoll produzierten und verbreiteten Medien zu verbringen.
  • Derjenige, der als Kind in seiner Entwicklung gehemmt wurde und heute zu allem von irgendwelchen Autoritäten Geäußerte ja und Amen sagt, erfährt in anderen, die genauso wenig in der Lage sind, Initiative zu ergreifen und etwas zu gestalten, den Halt eines konservativen, unmündigen Gesellschaftssubstrats, das er dank zahlenmäßigen Überflusses ohne Schwierigkeit als normal und vielleicht sogar gut oder staatstragend erleben kann.

Die durch die Menge der gelebten falschen Leben wahrgenommene Bestätigung des eigenen Lebenswandels erlaubt das Phänomen der „Normopathie“, also eines falschen Lebens, das aber als normaler Standard, als richtiges Leben wahrgenommen wird. Die Aussage des Buches ist: Die Mehrzahl der Menschen lebt aufgrund frühkindlicher seelischer Verletzungen, Vernachlässigungen oder Kränkungen ein falsches Leben, nicht das Leben, das ihrer eigenen Individualität zustände.

Maaz zitiert Adorno, um deutlich zu machen, dass er nicht der erste ist, der konstatiert, dass das ein unwürdiger Zustand ist: „Es gehört zur Würde des Menschen, selbst unter widrigsten Bedingungen nach Möglichkeiten zu streben, dem falschen Leben zu entkommen.“ Der Satz von Adorno, dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gebe, ist, möchte man sagen, geradezu schon Teil populärwissenschaftlicher Kultur geworden.

 


Zwei interessante Anwendungen auf spezifische Themenkomplexe:

Im weiteren Verlauf des Buches bezieht Maaz sein Erklärungsmuster der Normopathie auf zwei Themenkomplexe, die sonst in der öffentlichen Debatte bzw. in den Medien verhältnismäßig einseitig beleuchtet werden: Die deutsche Wiedervereinigung 1989 und die jüngste Flüchtlingskrise 2016.

Maaz schreibt, dass bei der Wiedervereinigung (die manche im gleichen Geist wie Maaz als „Anschluss“ bezeichnen), die Chance vertan worden sei, aus zwei falschen Gesellschaften eine richtige zu machen. Anstatt in einem ehrlichen Diskussionsprozess die guten und schlechten Eigenschaften der zwei deutschen Staaten herauszuarbeiten und die guten zu einem neuen, den Menschen gerecht werdenden Gesellschaftssystem zu schmieden, sind die DDRler der BRD in einem etwas blöden Enthusiasmus (der sicher vom materiellen Überfluss des Westens genährt war) einfach kritiklos beigetreten. Und die BRDler fanden das in geistloser Überheblichkeit oder eben normopathischer Verblendung auch noch gut so. Auf diese Weise ist die „zähneknirschende Normopathie“ der DDR, wo die Menschen in Vorsicht vor der Stasi und mit Ängsten, Anpassungsdruck, Lügen und Vorteilshoffnungen zu leben gelernt hatten von der Bildfläche verschwunden und stattdessen wurde die „lächelnde Marketing-Normopathie“ der BRD mit ihrem Drang zu oberflächlichen Äußerlichkeiten, zu Dingen und zu einem verlogenen Leistungsmantra einfach adaptiert und für alle als richtig übernommen. Pegida, der Aufstand der Alten im Osten, wie Maaz sagt, erklärt er als ein „spätes Aufbegehren gegen den simplen Normopathiewechsel von DDR zu BRD“. Verlierer dieses Wandels in eine geradezu aggressive Freiheit hinein, mit der sie nicht umzugehen und zu ihren Gunsten zu spielen wussten, erführen heute Ängste, durch den Zustrom von Flüchtlingen und eine über ihre Köpfe und an ihnen vorbei agierende und redende Politik nach dem Verlust ihres alten, sicheren Lebens in der DDR nun nochmal einen mit der Zeit halbwegs akzeptablen Lebensstandard zu verlieren.

Bei Maaz Behandlung der Flüchtlingskrise ist spürbar, dass er der Aufnahme der notleidenden Menschen kritisch gegenübersteht. Einer Sache, die auf den ersten Blick vom Gebot der christlichen Nächstenliebe gedeckt ist. Maaz verweist darauf, dass die Freiheit und Liberalität in unserer Gesellschaft für Menschen aus autoritären Staaten nicht nur Segen, sondern auch Fluch sein kann. Dass sie Halt verlieren und dann mit radikalen Abwehrreaktionen auffällig werden können. Der Gedanke mag von Relevanz sein, wenn man bedenkt, dass schon wenige Verrückte bzw. im Sinne Maaz durch Überforderung verrückt Gewordene viel Unheil anrichten können.

Interessanter sind aus meiner Sicht aber seine folgenden Überlegungen: „Willkommenskultur“ beschreibt er als eine Art dekulpabilisierender Überreaktion. Die Menschen versuchten darin, ihre „schuldhafte Gier am Wohlstandsleben“ zu beschwichtigen. Dass es sich vielleicht gar nicht in jedem Fall um eine Regung der Nächstenliebe handelt, sondern kollektiv die Aufnahme der Opfer unserer falschen Lebensweise befürwortet wird, um dafür eine innere Erleichterung zu erfahren und keinen Anlass sehen zu müssen, etwas am eigenen Leben zu ändern, ist ein Gedanke, der einen wahren und zunehmend wunden Punkt trifft.

Und noch eine andere, bislang ungehörte Kritik, bringt er im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise: Die meisten Flüchtlinge kommen aus autoritären Gesellschaftsverhältnissen und prekären sozialen Bedingungen. Sie müssten sich für eine Integration zunächst aus seelischer Enge und aus familiären, kulturellen und religiösen Zwängen befreien. „Wenn wir auf unsere eigenen deutschen Verhältnisse schauen und zur Kenntnis nehmen müssen, wie viele Menschen durch psychische und psychosomatische Erkrankungen, durch Alkoholismus, Drogen und anderes Suchtverhalten, durch Radikalisierung und Kriminalität zu erkennen geben, dass sie die innerseelische Reife für ein freiheitliches und liberales Leben nicht erreichen konnten – dann sind größte Sorgen, wie Migranten wirklich integriert werden könnten, nur zu berechtigt.“ Zusammengefasst: Unsere Gesellschaft vermag es noch nicht einmal, die Deutschen selbst zu integrieren. Wie soll es dann mit Menschen gelingen, die nochmal aus radikal anderen Verhältnissen auf diese in Maaz Augen falsche und kaputte Gesellschaft stoßen? Falsch und kaputt deshalb, weil sie nicht auf der inneren Echtheit der Menschen fußt, die sie ausmachen. Innere Echtheit aber, so Maaz, ist die Basis für Demokratie. Liest man in diesem Argument auf den ersten Blick ein Plädoyer gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, versteht man das Buch am Kerngedanken des Autors vorbei: In erster Linie ist es ein Argument gegen unsere eigene Lebensart.

Kommentar – Zukunftslust: abgewürgt.

Die Koalitionsverhandlungen für eine Regierung aus CDU/CSU, FDP und Grünen sind gescheitert. Direkt nach der Wahl, als sich abgezeichnet hat, dass die Möglichkeiten sich auf diese Konstellation hin verengen, war der Tenor allenthalben positiv. Endlich mal wieder ein bisschen Wettbewerb von Positionen, endlich mal wieder ein paar Ideen, die der Politik und der Zukunftsgestaltung des deutschen Gemeinwesens etwas Schwung verleihen könnten. Nicht mehr das überwiegend leere und visionslose Worthülsentum von CDU und SPD der vergangenen zu viel Jahre. Man kann trotz dieser von Ermüdung befeuerten Kritik der Kanzlerin zugutehalten, dass während der Bankenkrisenjahre vernünftiger Weise nicht mehr von ihr zu erwarten gewesen war als Stabilität und ein ruhiger Kurs. Das sei am Rande erwähnt, weil es wichtig ist, den Stress nicht zu vergessen, diese komplexe Managementaufgabe zu bewältigen, die immerhin die Deutschen ihr Erspartes hätte kosten können.

Deadlines

Am Sonntag waren Christian Lindner und Wolfgang Kubicki mit ihrer Geduld am Ende. Besser hätten sie geschwiegen. Denn wer – ohne Not – großmaulig verkündet, bis dann und dann achtzehn Uhr hätte die Sache erledigt zu sein, der kann (als echter Mann, der zu seinem Wort steht – so darf man annehmen, ist das Selbstbild), natürlich nicht anders, als dann auch Taten folgen zu lassen. Wie gesagt, völlig ohne Not und, wenn man kurz drüber nachdenkt, ebenfalls vollkommen ohne Sinn. Denn echte Demokratie, das zeigen die konsensorientierten Schweizer, braucht sehr viel Zeit. Das unreife Setzen von vollkommen übereilten und aus der Luft gegriffenen Verhandlungs-Deadlines zeigt das große Missverständnis, worum es hier ging und offenbart letztlich die egoistische Spielernatur der Herren Christian Lindner und Wolfgang Kubicki. Ein ernsthafter Mensch hätte sich die Zeit genommen und hätte die große seelische innere Kraft aufgewandt, den Medien und Bürgern zu erklären, warum das jetzt alles sehr, sehr lange dauern wird und er hätte der CDU die richtige Form des Kompromisses ausdauernd erklärt und letzten Endes abgerungen. Die CDU war in diesen Verhandlungen ohnehin in der schwächsten Position. Frau Merkel hatte ja nur diese eine Option, um Kanzlerin zu bleiben. Das nicht erkannt und genutzt zu haben, zeigt, wie wenig Wumms wirklich in Christian Lindner steckt. Da braucht man dann eben ein bisschen mehr Geduld, um den an visionären Stillstand gewöhnten CDU-Leuten die Spielregeln für einen neuen Aufbruch, für Roman Herzogs „Ruck“ zu erklären.

Sicher ist in den sogenannten „Sondierungsverhandlungen“ vieles schlecht gelaufen. Also so, wie die Menschen, die für den positiven Tenor auf die schwarz-gelb-grüne Koalitionsaussicht positiv reagiert haben, es sich nicht vorgestellt haben. Wenn drei bis vier unterschiedliche Parteien Kompromisse finden müssen, kann nicht jeder alles bekommen, was er sich vorstellt. Kompromiss heißt in der Politik aber sinnvoller Weise nicht das Verwässern von Einzelpositionen, sondern: die besten Einzelpositionen kombinieren und dafür auf andere, weniger wichtige im Sinne einer Einigung zu verzichten. Sonst bleibt nur ein undefinierter Brei übrig und davon haben wir im visions- und antriebslosen Deutschland der Merkeljahre mehr als genug gehabt. Doch genau das scheint während der Verhandlungen passiert zu sein: Um die CO2-Menge wurde gefeilscht wie auf einem Basar, die Abschaffung des Solidaritätszuschlags sollte nur noch zum Teil stattfinden und wahrscheinlich hätte man, was die Flüchtlingspolitik angeht, auch noch einen Weg gefunden, eine halbe Sache daraus zu machen. Das Kaputtverhandeln von Ideen und Visionen passt ins Bild der CDU-geführten Regierung der letzten Jahre. So gesehen könnte man Lindner fast schon wieder Verständnis entgegenbringen für seinen Ausstieg aus den Verhandlungen. In Wirklichkeit aber liegt es nahe anzunehmen, dass es der schwache Move eines Ungeduldigen gewesen ist, der die Arbeit scheute, noch länger und noch klarer mit den Verhandlungspartnern zu reden und sich dabei gleichzeitig der Öffentlichkeit zu erklären. Sehr mühsam, keine Frage. Aber darum heißt es Arbeit.

Die Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen hätte aufgrund ihres breiteren und zugleich engagierteren Spektrums endlich mal wieder inhaltliche Impulse für die deutsche Politik bringen können und damit neuen Schwung und Lebenswillen, Zuversicht und Zukunftslust. Diese Chance wegzuwerfen, weil man mal in einem Verhandlungsseminar für Handelsvertreter gelernt hat, dass eine Deadline wichtig sei und dann auch zu tun, was man angekündigt habe, ist armes Bauerntölpeltum. Deutschland braucht ein anderes Format an Gestaltern. Jeder von uns würde dann profitieren und auch wieder Freude an der Politik empfinden können.

Ein Blick in andere Länder zeigt, was wir verpassen: In Norwegen fahren schon über fünf Prozent der Autos rein elektrisch, weil die Regierung sie konsequent fördert: Käufer bekommen dicke Subventionen, zahlen keine Kfz-Steuern, keine Parkgebühren und ein Mautsystem bevorzugt sie konsequent: Benziner, Diesel und Hybrid zahlen für die Fahrt durch Oslo 5 Euro und mehr (je nach Verkehrslage und Umweltverschmutzung), Elektorautos sind davon komplett ausgenommen. In der Schweiz wird gegen große Widerstände ein unterirdisches Logistiksystem für den Transport von Gütern geplant. Eine Idee, die in der Tat als visionär bezeichnet werden kann und darum polarisiert. Wo bleibt die strikte Vorgabe in Deutschland, Güter, die weiter als beispielsweise 20 Kilometer transportiert werden müssen, auf die Schiene zu verladen? In Nordafrika wird Strom regenerativ durch Sonneneinstrahlung in der Wüste gewonnen – deutsche Firmen haben sich nach zunächst enthusiastischem Mitmachen sang- und klanglos (also ohne Begründung) von dieser Vision zurückgezogen. In den Emiraten wird schon seit geraumer Zeit die Stadt der Zukunft gebaut, „Masdar City“, in China gibt es jetzt eine Elektroauto-Quote für Neuzulassungen und für E-Scooters und Gas-Taxis gibt es diese klugen Vorgaben dort schon lange. Sogar im technologisch etwas zurückgebliebenen England führen Hybridbusse bereits eine ganze Zeit, bevor es hierzulande damit losging (Beispiel Liverpool: Link von Arriva). Das Vereinigte Königreich führt seit Kurzem zusammen mit Canada auch eine Anti-Kohle-Allianz an (Link der BBC) und selbst Frankreich, das vom Stillstand lange wie erstickt schien, hat mit Präsident Macron einen Politiker an die Spitze bekommen, der klar gemacht hat, sich mit dem Status Quo nicht zufrieden zu geben und unter anderem eine mutige Reform des Arbeitsmarktes angestoßen hat.

Kommentar – Konfliktbewältigung: Keine Gewalt lohnt sich (für die meisten)

Egoismus und Geld am Anfang des Konflikts
Dieser Artikel beginnt mit dem Satz: Die spanische Zentralregierung versucht mit nationalen Polizeikräften, das Referendum der Katalanen über ihre Unabhängigkeit zu verhindern (Artikel SZ). – Vielleicht sollte dieser Artikel aber auch anders beginnen: Eine starke katalanische Bewegung veranstaltet gerade hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen ein Referendum, das die nationale Eigenständigkeit der Region zum Ziel hat. Aus vergleichbaren Motiven haben Bayern und Hessen die Abschaffung des Länderfinanzausgleichs (Artikel SZ zum Länderfinanzausgleich, Beitrag Hessenschau zum Länderfinanzausgleich) durchgesetzt. Ab 2020 wird er neu geregelt und findet nicht mehr zwischen den Ländern selbst statt, sondern wird über den Bund gesteuert (Breitrag Tagesschau zum Ende des Länderfinanzausgleichs). Es geht in beiden Fällen in erster Linie ums Geld. Wohlhabendere Regionen wollen mehr für sich und weniger an andere abgeben. „Anstrengungen müssen belohnt werden“, hieß es in der bayerischen Argumentation für die zunächst vorgesehene Klage gegen den Ausgleichsmechanismus der Länder.

Bürgerkriegstendenz mitten in der EU:
Als ersten Grund für die Entstehung von Kriegen habe ich in meinem Artikel über die Frage, was ein guter Mensch sei Wohlstandsgefälle und Armut angegeben. Wenn heute in Spanien bewaffnete Kräfte versuchen, Bürger vom Abgeben ihrer Stimme abzuhalten und die Zentralregierung zu Gewalt greift, um die Infrastruktur für das Wählen an sich lahmzulegen (Artikel SZ über Verletzte bei Referendum in Katalonien), dann ist ein Maß der Aggression erreicht, das zwischen staatlichen Akteuren innerhalb eines Nationalstaats bislang in der EU nicht bekannt war. Tendenziell ist das eine Vorstufe zum Krieg, zu Gewalt oder Bürgerkrieg. Davor warnen die Zeitungen auch schon seit Tagen (Artikel Focus, Artikel Bild).
Die Interessen, die betroffen sind und die Anlass zur steigenden Spannung bieten, lassen sich so umreißen: Die Katalanen fühlen sich vom spanischen Zentralstaat ausgenommen, weil sie überdurchschnittlich von ihrem Wohlstand abgeben müssen. Einem Wohlstand, der – ohne intimer Kenner der Region zu sein – vermutlich auf der Schönheit und Anziehungskraft der attraktiven und lebenswerten Stadt Barcelona und möglicherweise auch auf einer Nähe zu Frankreich fußt. Im unwahrscheinlichsten Fall jedenfalls ausschließlich auf so etwas wie „der Leistung“ der Katalanen. Der spanische Nationalstaat hingegen fühlt sich in seiner territorialen Integrität bedroht und muss befürchten, dass auch andere Regionen, wie etwa das Baskenland, sich ein Beispiel an einem abtrünnigen Katalonien nehmen. Außerdem ist der Nationalstaat von den finanziellen Beiträgen für andere, ärmere Regionen Spaniens abhängig und kann schwer auf die Region als „Nettozahler“ verzichten.

Gewalt ist teurer als keine Gewalt (für die meisten)
Warum sollte man diesen Konflikt vermeiden? Die Antwort ist sehr einfach und sie lässt sich in jedem Geschichtsbuch nachlesen: Weil jede gewaltsame Auseinandersetzung immer teurer ist als jegliche ihrer wie kostspielig auch immer ausgestalteten Vermeidungsstrategien. Gesamtgesellschaftlich gesehen, denn man muss einschränkend dazu denken, dass eine industrielle Oberschicht und Waffenhersteller immer überproportional von gewaltsamen Auseinandersetzungen profitieren. Hier wird ein Interessessenskonflikt zwischen einem gesamtgesellschaftlichen Interesse, das dem Common Sense folgt, und einflussreichen Partikularinteressen sichtbar. Dass die reichen und einflussreichen Vertreter dieser Partikularinteressen für gewöhnlich einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf den politischen Gang der Dinge haben, verkompliziert die praktische Handhabung von Krisensituationen.

Aleppo

Ich biete zwei weiterführende Gedanken dazu an:

Kriegsschäden als externalisierte und zu vergemeinschaftende Kosten eines Gewinnmodells für wenige
Erstens der gedankliche Versuch, den gesamtgesellschaftlichen Schaden, der durch einen Krieg entsteht, als billigend in Kauf genommene oder erwünscht externalisierte und von der Gemeinschaft zu tragende Kosten zu beschreiben. Und zwar von jenen erwünscht oder in Kauf genommen, die die politischen Geschicke mitlenken oder lenken und an jeder Phase eines gewaltsamen Konflikts mitverdienen (siehe zum Beispiel eine Familie Krupp im zweiten Weltkrieg oder einen Robert Bosch im ersten Weltkrieg – der sich übrigens als löbliche Ausnahme und genau aus diesem Grund auch unter besonderem moralischen Druck sah, im Anschluss an den Krieg beispielsweise Kriegsversehrten zu helfen).

Vorstellen, wie sich an Konflikten verdienen lässt, kann man sich etwa das Folgende: Verdienste können durch Waffen- und Rohstofflieferungen erwirtschaftet werden oder durch den Verkauf von auf militärische Belange ausgerichteten industriellen Produktionsgütern. Umsätze locken wahrscheinlich auch im Handel mit zivilen Gütern, die in Kriegsfällen beispielsweise aus Angst gehortet werden. Dazu kommen Finanzspekulanten, die sich politische Unruhen zunutze machen, indem sie etwa auf Kursschwankungen von Währungen wetten oder Ähnliches. Da hört es aber noch nicht auf. Auch die enormen Aufwände, die zum Wiederaufbau von Städten wie etwa Kabul oder Aleppo nötig sind und in deren Zuge „naturgemäß“ auch mitverdient wird, gehören zum Paket der Interessen, die irgendjemand Findiges auf seiner ganz persönlichen Selbstbereicherungsliste stehen haben wird. Gleichzeitig erzeugen gewaltsame Auseinandersetzungen und Kriege einen ablenkenden und beunruhigenden Effekt auf durchschnittliche Bürger einer Gesellschaft, der es wiederum solchen Menschen in privilegierten materiellen Startpositionen erlaubt, diese privilegierte Situation mit weniger demokratischer Kontrolle zum eigenen Vorteil auszubauen. Vermutlich ist mit diesen wenigen Beispielen erst ein kleiner Teil der Möglichkeiten umrissen, von gewaltsamen Konflikten persönlich zu profitieren. Jeder erinnert sich auch an die Söldner- und Sicherheitsdienstleistungen, die der US-amerikanische Blackwater-Konzern an die US-Regierung für Einsätze im Irak verkauft hat. Und dann haben wir noch nicht über die Befriedigung der Eitelkeit einzelner Akteure gesprochen, die sich Konfliktsituationen gerne zunutze machen, um sich in den Vordergrund zu spielen. Abu Bakr al-Baghdadi vom IS wäre ein Beispiel. Nigel Farrage von der UKIP in England ist ein anderes beredtes Beispiel für diese Art der Selbstbefriedigung des Egos im Namen einer Sache. Und möglicherweise eben auch Carles Puigdemont, der Anführer der katalonischen Unabhängigkeitsbewegung.

Ließe man, um im Bild der externen Kosten zu bleiben, die Profiteure, die die Gewehre und Fahrzeuge und Bomben und Gasmasken und Dienstleistungen an die Staaten, die sie einsetzen, verkaufen, für die entstandenen Kosten aufkommen, internalisierte man also den Preis des Wiederaufbaus einer Stadt oder eines Landes in das zerstörerische Geschäft mit dem Krieg (und zwar so, dass die gleichen Konzerne nicht auf der anderen Seite direkt an der Beseitigung der Zerstörung wieder mitverdienen würden), so würde sich der Anreiz für Kriegsgeschäfte und Kriegstreiberei aus mehr oder weniger bewusst wahrgenommenem Partikularinteresse heraus im Idealfall neutralisieren. Für die praktische Umsetzung ist das gewiss ein herausfordernder Gedanke, doch es soll hier in erster Instanz um das Aufzeigen einiger nicht immer ganz offensichtlicher Zusammenhänge gehen.

Einen anschaulichen Vergleich bietet die heutige konventionelle Landwirtschaft: Der Vorstandsvorsitzende des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft Felix Löwenstein hat 2015 im Deutschlandfunk von einer französischen Untersuchung erzählt, in der der Eintrag von konventioneller Agrarchemie ins Trinkwasser ermittelt wurde und dazu die erwartbaren Kosten, wenn man die Substanzen mittels Kläranlagen (rückstandslos) wieder aus dem Trinkwasser entfernen wollte. Das Ergebnis waren Kosten von 50 Milliarden Euro im Jahr, ein Betrag, der exakt dem gesamten französischen Jahresumsatz mit konventionell erzeugten Agrarprodukten entsprach. Internalisierte man diese externen Kosten, bliebe also ein Produkt zum doppelten Preis. Dann, so Löwenstein, könne man auch gleich ökologische Landwirtschaft betreiben. Kein Landwirt würde konventionell wirtschaften, wenn er für die Reinigung des Grundwassers mit zur Kasse gebeten würde. Mit anderen Worten: Kein Waffenhersteller würde Waffen verkaufen, wenn er selbst und nicht die Gemeinschaft in ihrer ganzen Breite, für die Reparatur von Schäden aufkommen müsste.

Daraus lässt sich Folgendes ableiten: Wenn man gleich keinen Krieg führt und stattdessen bereitwillig Wohlstand mit denen teilt, die weniger haben, bleibt am Ende ganz ohne Zerstörung und Flüchtlingsleid ein geordneter, moderater Wohlstand für die durchschnittliche Bevölkerung, der eine bessere Grundlage für geordnetes Prosperieren darstellt als ein von wenigen Profiteuren gesteuerter Wiederaufbau nach einer kompletten Zerstörung von allem nach einem unkontrollierten, hart ausgetragenen Konflikt. Um andererseits zu gewährleisten, dass man mit einer Politik des Teilens nicht in der Falle sozialistischer Antriebslosigkeit landet, gibt es im Rahmen des deutschen Länderfinanzausgleichs beispielsweise den sogenannten Stabilitätsrat, der über die ordentliche und vergleichbare Haushaltsführung der Länder wacht. Verallgemeinert bedeutet das: Es braucht für das Teilen von Wohlstand und das Inkaufnehmen einer Senkung des eigenen Wohlstands Gespräche und Austausch zwischen den Interessen, möglicherweise regulierende Regime und eben eine kluge, weitsichtige Analyse von unaufgeregten staatlichen oder überstaatlichen Akteuren. Die Kriegsanalogie klingt im Zusammenhang mit einem regionalen Konflikt in Katalonien jetzt möglicherweise nach einem etwas schweren Vergleich. Und doch trifft sie den Keim des Problems: Den Egoismus, der offenbar immer wieder blind dafür macht, dass geteilter Wohlstand immer billiger ist als auch nur ein Toter in einem Streit oder eine zerstörte Stadt.

Philosophische Klugheit statt überkommener Reflexe
Der zweite weiterführende Gedanke nimmt Bezug auf den jüngsten (und andauernden) Ukrainekonflikt. Auffällig erscheint auf den ersten Blick der Umgang mit dem von Russland gesteuerten separatistischen Aufstand. Obwohl der Konflikt im beginnenden 21. Jahrhundert stattfindet, hat der Präsident Poroschenko auf eine Weise auf den Konflikt reagiert, die sich spätestens durch die vielen Kriege im Jahrhundert zuvor als Lösungsweg disqualifiziert hat. Poroschenko ist der militärischen und scheinbar paramilitärischen Provokation mit dem Mittel der Gegengewalt begegnet. Ob nun bereits von Anfang an oder erst kurz nach Beginn der Provokation im vollen Bewusstsein der dahintersteckenden Übermacht Russlands oder nicht, kann man nur den Kopf schütteln über die Einfalt, mit der er vollkommen sinn- und aussichtslos die Leben vieler ukrainischer Jungen und junger ukrainischer Männer geopfert hat und ihre Familien mit Leid überzogen hat. Etwas, das passiert, wenn man einen 50-jährigen Schokoladenfabrikanten zum Staatspräsidenten macht und nicht, wie es für das Aufgabenspektrum in dieser Position angemessener wäre, einen ausgebildeten und profilierten Philosophen. Ein Modell, das schon im alten Griechenland Platon vehement vertreten hat. Die gewaltvolle Welt der letzten zwei Jahrzehnte scheint dem Bewusstsein aufzudrängen, dass es eine Grenze geben mag, ab der ein bewaffneter Konflikt unausweichlich werden kann. Der ein oder andere mag sich an die Auseinandersetzungen erinnern, die hierzulande während des Kalten Krieges zur Kriegsfrage mit der UdSSR geführt wurden, unter dem Schlagwort „Besser rot als tot“. Ich kann mir vorstellen, dass diese Grenze, ab der es keinen anderen Ausweg als kriegerische Gewalt gegeben hätte, im Ukrainekonflikt nicht erreicht war und dass der Konflikt (der im Übrigen, wie die meisten Konflikte, komplexe Wurzeln hat, in deren Geflecht auch westliche Politik eine Rolle spielt) eine handfeste Chance dargestellt hätte, über andere, kluge Wege nachzudenken, das Handeln Putins durch eine asymmetrische Reaktion als so archaisch und rückständig zu entlarven, wie es im 21. Jahrhundert erscheinen muss. Auch hier, sollte man meinen, hätten die Interessen Russlands mit größerer Klugheit und Eleganz vertreten werden können.

Die Macht von Partikularinteressen
Ich beende diese kleine Betrachtung mit zwei allgemeineren Hinweisen auf die Macht und den Einfluss, den Partikularinteressen in unserer Gesellschaft haben:
Erstens: Der Kabarettist Frank-Markus Barwasser (bekannter unter dem Pseudonym Erwin Pelzig) hat einmal die Frage aufgeworfen (Beitrag auf Youtube, bei 3’00“ ff), weshalb im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zur besten Sendezeit, wenige Augenblicke vor der Tagesschau im Ersten Deutschen Fernsehen Börsennachrichten gesendet werden, obwohl es nur dreieinhalb Millionen Aktienbesitzer in Deutschland gibt. Zufall ist das gewiss nicht. Und weshalb diese Sendezeit stattdessen nicht dafür genutzt wird, eine kleine eigene Sendung für die neun Millionen Menschen mit Burnout oder die neun Millionen Leute, die alkoholsüchtig sind oder die 20 Millionen Raucher angeboten wird? Und man könnte das weiterdenken: Was ist mit denen, die in Deutschland alleinerziehend sind oder mit all jenen, die keine Freude an ihrer Arbeit haben? Könnte man denen nicht mit einer kleinen Sendung guten Rat zusprechen, anstatt eine Minderheit über die Börsenkurse zu informieren?

Zweitens hat das US-amerikanische Politmagazin „New Republic“ im Juni dieses Jahres über das Phänomen des „Thought Leaders“ geschrieben. Darin wird beschrieben, wie sich Denker und Publizisten in den Dienst von wohlhabenden Mäzenen stellen, um ein Auskommen zu haben. Und diese dafür in ihren medialen Äußerungen Positionen vertreten, die den Interessen ihrer Gönner unauffällig Vorschub leisten.